Im Machtkampf in Venezuela hat der befreite Oppositionsführer Leopoldo López Schutz in der spanischen Botschaft in Caracas gesucht. López, seine Frau Lilian Tintori und seine Tochter seien Gäste des spanischen Botschafters Jesús Silva Fernández, berichtete die spanische Zeitung El País unter Berufung auf die Regierung in Madrid. Unklar ist, wo sich der selbst ernannte Interimspräsident Juan Guaidó derzeit befindet.

López hatte sich zunächst in der chilenischen Botschaft aufgehalten. Später bestätigte der chilenische Außenminister Roberto Ampuero den Wechsel des Zufluchtsorts, der López‘ persönliche Entscheidung sei.

Guaidó ruft zu neuen Massenprotesten

Guaidó rief für diesen Mittwoch zu neuen Massenprotesten auf. Wie viele Venezolanerinnen und Venezolaner ihm folgen werden, ist nicht abzusehen. Präsident Nicolás Maduro hatte bereits am Dienstagabend im Fernsehen davon gesprochen, dass der "Putschversuch" gescheitert sei. Eine "kleine Gruppe" habe Gewalt über das Land bringen wollen, aber eine Niederlage erlitten. Maduro kündigte strafrechtliche Konsequenzen wegen Rebellion an.

Der Aufstand hatte am frühen Dienstagmorgen damit begonnen, dass López und Guaidó sich vor der Militärbasis La Carlota in Caracas der Öffentlichkeit zeigten. Guaidó erklärte in einer Videobotschaft an die Venezolaner, er habe Teile der Armee auf seiner Seite. Danach kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften.

Mindestens 69 Menschen wurden verletzt, einige von ihnen durch Schüsse. Im nördlichen Bundesstaat Aragua wurde nach Angaben einer Menschenrechtsorganisation ein Demonstrant getötet. Erika Guevara-Rosas, Amnesty-International-Direktorin für den amerikanischen Kontinent, forderte via Twitter den "strikten Respekt für die Menschenrechte". Sie nannte die Vorkommnisse in Venezuela "alarmierend" und "schaurig".

Aufstand vorgezogen

Offenbar konnte Guaidó aber weniger Soldaten auf seine Seite ziehen als erwartet. Die venezolanische Journalistin Luz Mely Reyes zitierte nicht näher definierte Quellen, denen zufolge der Aufstand ursprünglich für einen späteren Zeitpunkt geplant gewesen sei. Um zu vermeiden, dass Guaidó vorher verhaftet werde, habe man sich entschieden, früher zu beginnen. Am Ende des Tages erhielten Reyes zufolge 25 Soldaten in der brasilianischen Botschaft Asyl.

In dem Machtkampf spielen auch die USA und Russland eine Rolle. US-Außenminister Mike Pompeo sagte dem Sender CNN am Dienstag, Maduro sei zur Ausreise bereit gewesen, Russland habe ihn aber überzeugt zu bleiben. Russland dementierte dies. John Bolton, Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump, rief führende Mitglieder von Maduros Regierung via Twitter auf, "aufzustehen und zu tun, was für Venezuela richtig ist". Am Mittwoch sagte Bolton dann im Fernsehsender Fox News, Pompeo und der russische Außenminister Sergej Lawrow wollten im Laufe des Tages wegen der Lage in Venezuela telefonieren.

Militärs entscheiden

Wie der Machtkampf nun weitergeht, dürfte auch vom Verhalten der venezolanischen Militärs abhängen – und davon, wie viele Menschen dem Aufruf Guaidós folgen und am 1. Mai auf die Straße gehen. Der venezolanische Außenminister warnte die Opposition. Er sehe nicht, dass diese viel Unterstützung habe. "Wir haben über 215.000 Soldaten und zwei Millionen Milizionäre", sagte Jorge Arreaza der spanischen Zeitung El País.

Deutschland stockt Hilfsmittel auf

Der deutsche Außenminister Heiko Maas, der sich derzeit in Venezuelas Nachbarland Kolumbien befindet, hat angesichts der jüngsten Entwicklungen mehr finanzielle Hilfe aus Deutschland zugesagt. Bislang hat Deutschland zehn Millionen Euro für die Versorgung venezolanischer Flüchtlinge in Kolumbien bereitgestellt, Maas sagte nun weitere vier Millionen zu.

Zugleich sicherte er der venezolanischen Opposition um Guaidó die anhaltende Unterstützung Deutschlands zu. "An unserer Haltung hat sich nichts verändert: Für uns ist Juan Guaidó der Übergangspräsident, der den Auftrag hat, Neuwahlen zu organisieren. Das ist auch das Ziel, das wir weiter verfolgen", sagte Maas. Er traf in Bogotá eine Gruppe Oppositioneller, darunter den "Schatten-Außenminister" Guaidós, Julio Borges, der in Bogotá lebt. Zur Frage, ob noch ein Dialog zwischen beiden Seiten des venezolanischen Machtkampfs möglich sei, zeigte Maas sich sekptisch.

Die Krise in Venezuela hat zur Flucht Hunderttausender Menschen nach Kolumbien geführt. Nach Angaben des kolumbianischen Außenministers Carlos Holmes Tuillo sind es jetzt schon 1,5 Millionen. 1,8 Millionen weitere könnten kommen, falls die Krise anhalte, sagte er am Dienstag nach einem Treffen mit Maas.