Wenn die Europäerinnen und Europäer am Sonntag ein neues Parlament wählen, entscheiden sie indirekt auch über den Nachfolger von Jean-Claude Juncker als mächtiger Präsident der EU-Kommission. Kommissionspräsident soll laut EU-Parlament die Person werden, die im Wahlkampf als europäischer Spitzenkandidat angetreten ist und europaweit die meisten Stimmen bekommen hat. Die beiden Favoriten dafür sind der 46-jährige Niederbayer und CSU-Politiker Manfred Weber für die Europäische Volkspartei und der 58-jährige Niederländer Frans Timmermans von der Sozialdemokratischen Partei Europas, zu der auch die deutsche SPD zählt. Hier streiten die ZEIT-ONLINE-Redakteure Ferdinand Otto und Steffen Dobbert, welcher Kandidat der beste ist.

Pro Manfred Weber: Der Niederbayer könnte Europa heilen


Von Ferdinand Otto

Mit Manfred Weber hat zum ersten Mal seit 1967 ein Deutscher gute Chancen, Präsident der EU-Kommission zu werden. Es wäre nicht nur eine historische Gelegenheit, es ist auch Zeit für einen Deutschen an der Spitze der EU.

Die Finanz- und Flüchtlingskrise haben den Staatenbund im letzten Jahrzehnt beinahe zerrissen. Deutschland moralisierte und polarisierte beide Male ganz vorne mit. Diese deutsche Arroganz, wie sie in Volker Kauders unsäglichen Worten kumulierten, "In Europa wird jetzt Deutsch gesprochen", muss überwunden werden. Und das kann, vielleicht klingt es paradox, nur Deutschland tun.

Nur ein Deutscher kann die Rolle der Bundesrepublik als sanfter Riese, als guter Nachbar und verlässlicher Partner im Zentrum des Kontinents neu interpretieren und vielen Europäern ihre Urangst vor der deutschen Dominanz nehmen.

Weber ist ein zurückhaltender Mensch, kein typischer CSU-Zampano. Als dezidierter Proeuropäer verteidigte er seine Position auch, als der Rest seiner Partei im vergangenen Sommer die Grenzen schließen wollte. Gleichzeitig könnte ein Kommissionspräsident Weber neu definieren, was denn ein guter Europäer ist: Er glaubt nämlich nicht an das Fahrrad Europa, das umfällt, wenn es nicht immer weiter vorwärts geht. Fortschritt nur um des Fortschritts willen – das ist ein gefährliches Denken der EU-Avantgarde, dem die bürgerliche Mitte künftig eine gesunde Skepsis entgegensetzen sollte. Rechts wie links wird gern der Antagonismus bemüht, zwischen bedingungsloser EU-Integration und rigorosem Nationalismus. Es gibt ein Drittes, Maß und Mitte, dafür steht Weber. 

Die Briten, die aus der EU herausstolpern und sich dabei als Instanz des Liberalismus und der Marktwirtschaft selbst zerlegen, hinterlassen ein Vakuum – finanziell wie ideell. Deutsche, besonders liberale Konservative wie Weber, werden versuchen müssen, es zu füllen.

Weber weiß, wie groß der Transformationsschmerz mancher Ostdeutschen auch nach 30 Jahren Mauerfall noch ist. Wer Ostdeutschland versteht, tut sich mit Osteuropa leichter. Und der vermag vielleicht besser abzuschätzen, welche Folgen Massenarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit in Südeuropa noch in Jahrzehnten haben könnten. Die Folgen solcher Verwerfungen sind in Ostdeutschland noch heute zu spüren. Mit ein bisschen Sensibilität kann Europa viel von der Bundesrepublik lernen – und von ihren Fehlern.

Für Deutschlands Innenpolitik wäre Webers Wahl ebenfalls wichtig. In der Europapolitik irrlichterte die CSU zuletzt doch sehr. Weber, immerhin stellvertretender Parteichef, würde die Bayern mäßigen. Regiert ein Christsozialer in Brüssel, werden die blau-weißen Machtpragmatiker ihn dort kaum hängen lassen – was wiederum die gesellschaftliche Mitte nach Europa integriert. Manfred Weber als EU-Kommissionspräsident wäre eine heilsame Grenzziehung zu den Rechtspopulisten.