Der Mann trug die Erleichterung gleichsam vor sich her. "Genug ist genug", stöhnte der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz am Samstag im Wiener Kanzleramt in die Mikrofone. Er habe ja schon viel aushalten müssen, aber dieses Video sei zu viel. Neuwahlen müsse es jetzt geben – weitermachen sei in dieser Koalition mit den Freiheitlichen nicht mehr möglich, es gehe einfach nicht mehr. Wie ein Märtyrer klang er da.

Wie so oft bei einer Trennung waren Beobachterinnen und Beobachter überrascht: Man hatte es ja nicht für eine Verbindung aus Liebe gehalten, aber doch als grosso modo gut funktionierende Beziehung gesehen. Vor allem im Vergleich mit weit unharmonischeren, die einem im Lauf der Jahre untergekommen waren. Erst vergangenen Donnerstag hatten Kurz und sein Vizekanzler Heinz-Christian Strache in kurzer Distanz zum Europawahltermin eine beträchtliche Erhöhung der Kleinstpensionen angekündigt. Und wie bei den meisten ihrer Auftritte besangen sie dabei die großartigen Leistungen dieses Kabinetts weit rechts der Mitte.

Das demonstrative Nichtstreiten war sogar einer der Pfeiler dieses Bündnisses. Kurz wies immer wieder darauf hin, nicht ohne stets auch den Zank in der Koalition seiner Partei mit den Sozialdemokraten in Erinnerung zu rufen. Mitunter war sogar der Hauch einer Männerfreundschaft zu spüren zwischen dem fein ziselierten Slim-Fit-Kanzler Kurz und seinem etwas groben, vom Leben schon gezeichneten Vizekanzler Strache, der sich gern in seiner prallen Männlichkeit inszenierte.

Österreich - Sebastian Kurz plant Übergangsregierung Nach der Ibiza-Affäre müssen sämtliche Ministerämter der Regierung neu besetzt werden. Österreichs Kanzler will nun schnell passende Vorschläge präsentieren. © Foto: Michael Gruber

Von den FPÖ-Ideologen kaum noch zu unterscheiden

Auch in der Einschätzung ihrer Gegner waren sich Kurz und Strache stets einig: linkslinke Chaoten, Willkommensklatscherinnen, Islamistenversteher, die in ihrem Hochmut die Sorgen und Nöte des einfachen Volkes nicht verstehen wollen. Die österreichischen Boulevardzeitungen, von der Regierung liebevoll mit Anzeigenaufträgen verwöhnt, gaben ihnen völlig recht. Jede Gemeinheit seines Innenministers gegenüber Flüchtlingen und Zuwanderern segnete der Bundeskanzler ab und verteidigte sie wortreich. Er selbst machte es zu einem der wichtigsten Projekte dieser Regierung, in Österreich arbeitenden Pflegerinnen aus Polen, Ungarn oder Rumänien die staatliche Familienbeihilfe zu kürzen, weil in ihren Heimatländern ja ohnehin alles billiger sei.

Selbst Kurz ursprünglich gewogene Kommentatoren kamen immer öfter zur Ansicht, er sei von den xenophoben FPÖ-Ideologen eigentlich nicht mehr zu unterscheiden. Sei das noch christsozial, fragte man.

Gewiss: Wenn es gar nicht mehr ging, zog der Kanzler kurz die Notbremse. Als der Braunauer Vizebürgermeister und FPÖ-Obmann vor einigen Wochen Flüchtlinge und Zuwanderer in einem "Gedicht" in seiner Gemeindezeitung mit Ratten verglich, verurteilte Kurz das. Der Vizebürgermeister wurde von seiner Partei zum Rücktritt bewogen.

Ein Tipp aus dem Innenministerium?

Wenig später wurde bekannt, dass der Moscheen-Attentäter von Christchurch auf einer Europareise wenige Monate vor dem Anschlag auch in Österreich war und den dortigen Identitären, dieser proper aussehenden, inhaltlich aber ewiggestrigen Rechtsaußen-Riege, 1.500 Euro gespendet hatte. Schnell flog auf, dass auch namhafte FPÖ-Vertreter enge Kontakte zu den Identitären unterhalten, etwa der Grazer Vizebürgermeister und mehrere Nationalratsabgeordnete. Das gehe nicht, monierte Kurz. FPÖ-Chef Strache, dem die Sache sichtbar peinlich war, mahnte bei FPÖ-Funktionären mit allzu großer Nähe zu dieser Gattung von Rechtsextremisten mehr Distanz an.

Nichts hörte man vom Kanzler, als der Fall vorvergangene Woche – da war die Koalition noch stabil – eine merkwürdige Wendung nahm. So wurde bekannt, dass Identitären-Chef Martin Sellner, der mit dem Christchurch-Attentäter in regem Mailkontakt gestanden hatte, 40 Minuten vor einer Hausdurchsuchung mit der Löschung aller Dateien auf seinem PC begann. Tags darauf berichteten Zeitungen, die Beamten hätten vor der Hausdurchsuchung zwölf Minuten an die Tür hämmern müssen, bevor Sellner – man hörte, dass er in der Wohnung kramte – sie endlich einließ. Hatte es da einen Tipp aus dem heute mit rechten Burschenschaftern durchsetzten Innenministerium Herbert Kickls gegeben?