Vor dieser Offensive haben sich die rund drei Millionen Menschen in Idlib gefürchtet. Seit Tagen bombardieren die syrische und russische Luftwaffe Kleinstädte und Dörfer in dem letzten großen Rebellengebiet im Nordwesten Syriens. Offiziell will Machthaber Baschar al-Assad gegen Islamisten vorgehen, doch zielt ein Großteil seiner Angriffe auf die eigentlich zur Deeskalationszone ernannten Region auf zivile Einrichtungen wie Kliniken, Schulen und Flüchtlingslager. Das Assad-Regime setzt dabei offenbar auch Fassbomben und Streumunition ein. Mehr als 150.000 Menschen sind bereits in den Norden geflüchtet, doch auch dort werden Ortschaften bombardiert. Lokale Organisationen sprechen von etwa 200 Toten, die Opferzahlen steigen stündlich. 

Wie bei den Rückeroberungen anderer Rebellengebiete, etwa Ostaleppo und Ostghuta, attackiert das syrische Regime auch die Krankenhäuser. In den vergangenen zehn Tagen wurden insgesamt zwölf medizinische Einrichtungen zerstört. Von fünf hatten die Vereinten Nationen im Vorfeld die Koordinaten an die syrische und russische Regierung weitergegeben. Doch das hat sie nicht geschützt – stattdessen wurden diese Einrichtungen gezielt bombardiert. Dr. Mohamad arbeitet als Arzt in Idlib. Er berichtet uns per WhatsApp von der Lage. Aus Sicherheitsgründen veröffentlichen wir nur seinen Vornamen.

"Bis vor wenigen Tagen habe ich als Chirurg im Krankenhaus in Kafranbel gearbeitet, einer Kleinstadt im Westen von Idlib. Unser Krankenhaus war das einzige im Umkreis von vielen Kilometern, dort wurden Menschen aus Hama, Idlib und Maarat al-Nu'man behandelt.

Am vergangenen Sonntag wurden diese Tausenden von Menschen der medizinischen Versorgung beraubt, als Kampfflugzeuge, sehr wahrscheinlich russische, unser Krankenhaus attackierten.

Unser Krankenhaus war schon lange ein Ziel des syrischen Regimes und der russischen Luftwaffe. Seit seiner Gründung 2011 wurde es mindestens 100-mal angegriffen, 15-mal wurde es so zerstört, dass der Betrieb eingestellt werden musste. Seit dem letzten schweren Angriff 2018 hatten wir in einem Raum unter der Erde gearbeitet. Von dort aus behandelte unser Team aus 30 Ärzten, Technikern und Krankenschwestern die Verletzten und stellte auch die routinemäßige Gesundheitsfürsorge und Behandlung für Bedürftige bereit.

Vor zwei Wochen nahm unsere Arbeitsbelastung dramatisch zu, als die syrische und russische Luftwaffe begannen, ihre Angriffe auf den Nordwesten Syriens zu eskalieren. Wir mussten auf einmal sehr viele verletzte Zivilistinnen und Zivilisten behandeln, hauptsächlich aus Dörfern im Norden von Hama und im Süden von Idlib. Wir arbeiteten oft die Tage und Nächte durch, um die vielen Verwundeten zu versorgen.

Am vergangenen Sonntag bin ich frühmorgens ins Krankenhaus gegangen, weil es in den Morgenstunden normalerweise weniger Bombenangriffe gibt. Den ganzen Tag über wurden Verletzte zu uns gebracht. Am Nachmittag erhielten wir die Nachricht, dass ein unterirdisches Krankenhaus in Hass, im Norden von Hama, bombardiert wurde. Ich betete, dass alle Mitarbeiter und Patienten diesen Angriff überlebt hatten. 

Gegen 17.30 Uhr, zwei Stunden nachdem wir die Nachrichten über Hass gehört hatten, machte ich eine kurze Pause und telefonierte mit meiner Verlobten. In dem Moment schlugen vier Raketen am Eingang unseres Krankenhauses ein. Das Geräusch, die Explosionen – es fühlte sich an wie die Apokalypse. Als ich zu meinen Patienten rannte, um ihnen zu helfen, traf ein weiterer Luftangriff das Dach des Krankenhauses und der Strom fiel aus.

Vier Raketeneinschläge innerhalb von Minuten

Die Räume füllten sich mit Staub und wir bekamen kaum noch Luft. Alles war dunkel, wir konnten nichts mehr sehen und auch nicht mehr unsere Telefone bedienen, um Hilfe zu rufen. Die Menschen gerieten in Panik, aber als Ärzte hatten wir diese Situation schon öfter erlebt. Wir gaben ihnen Sauerstoffbehälter, um ihnen beim Atmen zu helfen. Wir waren so besorgt und fühlten uns hilflos. Es folgte ein dritter Einschlag, dann ein vierter, innerhalb weniger Minuten. Wir versuchten, die Patienten zu beruhigen, aber auch wir Ärzte und Schwestern wussten nicht, was nun geschehen würde.

Wenige Minuten nach dem vierten Einschlag waren die Kampfflugzeuge weitergezogen. Es stürmten Helfer der Weißhelme (der syrische Zivilschutz) zusammen mit anderen Ärzten aus unserem Krankenhaus zu uns herein, sie hatten sich nach dem Einschlag der Raketen außerhalb der Station befunden. Einige Patienten, die wahrscheinlich unter Schock standen, liefen gleich auf die Straße, um aus dem Krankenhaus zu fliehen. Es gibt davon ein Foto, das von vielen Menschen in den sozialen Medien geteilt wurde: Es zeigt einen unserer Patienten, der noch in seinem Kittel und mit einem Infusionsschlauch aus dem Krankenhaus auf die Straße läuft. 

Nicht alle haben überlebt. Ein Mann, der seinen Verwandten im Krankenhaus besuchte, starb bei dem Angriff. Die Patienten, die bei den Angriffen schwer verletzt wurden, wurden in das nächstgelegene Krankenhaus in Maarat al-Nu'man gebracht, das 15 Kilometer von Kafranbel entfernt liegt.

Angriffe auf Krankenhäuser sind Kriegsverbrechen

Der Angriff auf unser Krankenhaus hat den Druck auf andere Krankenhäuser im Nordwesten Syriens noch weiter erhöht, obwohl es dort ohnehin schon dramatisch aussieht: Die Zahl der Verletzten wächst mit jedem Tag, während es wegen der Bombardierungen immer weniger medizinische Einrichtungen gibt. Auch gibt es immer weniger Ärzte, denn viele sind mit ihren Familien vor den Luftangriffen geflohen. Das Gesundheitsamt von Idlib hat den Ausnahmezustand verhängt.

Meine Kollegen und ich haben beschlossen, in Kafranbel zu bleiben und zu warten, bis das Krankenhaus wieder aufgebaut ist, damit wir die Patienten weiter versorgen können. Doch das wird nicht möglich sein, solange es immer wieder Bombenangriffe gibt. Es bricht mir das Herz, nicht helfen zu können.

Für die Schwerverletzten ist es besonders dramatisch: Wenn sie nicht sofort ärztliche Hilfe erhalten und stattdessen in weiter entfernte Krankenhäuser fahren müssen, werden sie das vielleicht nicht überleben.

Gezielte Angriffe von zivilen Krankenhäusern und medizinischen Einrichtungen stellen laut den Genfer Konventionen Kriegsverbrechen dar. Das Recht auf eine Gesundheitsfürsorge ist ein grundlegendes und unantastbares Recht, auch im Krieg. Es ist ganz besonders grausam, erst Zivilisten zu bombardieren und ihnen dann auch noch die Möglichkeit zu nehmen, behandelt zu werden. Die anhaltenden Kriegsverbrechen des syrischen Regimes und Russlands müssen beendet werden. Was wir erleben, ist eine humanitäre Katastrophe."

Kriegsgebiete - "Es ist okay, für etwas Gutes sein Leben zu lassen" Rettungsassistent Tobias Buckler behandelt im Irak und in Syrien Kriegsverletzte. "Ich gehe nicht dorthin, um das Gefühl zu haben, gebraucht zu werden." Ein Videoporträt © Foto: Kenny Karpov