Ich muss auch nach über einem Jahr noch oft an die Frau im Bus denken. Sie saß mit ihrem kleinen Sohn dicht ans Fenster gepresst und schaute durch die schmutzige Scheibe. Ich stand draußen, auf dem staubigen Platz, und beobachtete die Frauen und Kinder in den Bussen, die über den Fluchtkorridor aus Duma kamen und Richtung Idlib weiterfuhren. Um mich herum standen Soldaten der syrischen Armee und regimefreundliche Journalisten und riefen Dinge wie "Haut ab!" und "Raus mit euch!". Für sie waren die Mitfahrenden in den Bussen Terroristen, ich sah hingegen Menschen, die durch die Hölle gegangen waren.

Den Moment, in dem sich unsere Blicke trafen, werde ich nie vergessen. Ich kann nicht einschätzen, wie alt die Frau war. Ihre Wangen waren eingefallen, ihre Augen von dunklen Schatten gezeichnet. In ihrem Blick lagen eine Leere und Apathie, wie sie Menschen haben, die auf nichts mehr hoffen. Sie ahnte wohl, was sie und ihren Sohn in Idlib erwarten würde: erneutes Bombardement, vermutlich wochenlanges Ausharren im Schutzbunker, kaum Essen und Medikamente, und dann, früher oder später, das Ende, wie auch immer es aussehen mochte.

Ich hatte im April vergangenen Jahres die Möglichkeit, als Journalistin eine Woche lang durch Syrien zu reisen, in jene Gebiete, die heute wieder unter Kontrolle des Diktators Baschar al-Assad sind: Homs, Aleppo und Ghuta, ein Vorortgürtel von Damaskus. In dieser Woche war die Offensive des Regimes, um Ostghuta zurückzuerobern, noch in vollem Gang. Von dem Platz am Fluchtkorridor aus konnte ich die heftigen Angriffe sehen, die Bomben gingen im Minutentakt auf die Stadt Duma nieder.

Ein Krieg gegen das eigene Volk

In jenen Tagen war mit den Rebellen, die Ostghuta seit 2012 kontrolliert hatten, ein Deal ausgehandelt worden: Die islamistischen Kämpfer und ihre Familien, aber auch Zivilisten konnten, so hieß es offiziell, entweder in Zeltlager des Regimes gefahren werden oder, wenn sie das ablehnten, mit Bussen in die Provinz Idlib gebracht werden, wo noch die Opposition herrschte. Dorthin, wo in diesen Tagen die wohl finale Schlacht begonnen hat – es ist der zynische Höhepunkt eines Kriegs gegen das eigene Volk, den Assad seit acht Jahren führt. Nun will er auch den letzten Widerstand brechen und wieder über das ganze Land herrschen.

Die Provinz Idlib im Nordwesten Syriens war schon damals eine Art Auffangbecken für viele Syrer, die zuvor aus anderen Teilen des Landes vertrieben worden waren. Heute sind dort rund drei Millionen Menschen eingekesselt, darunter rund eine Million Kinder. Als eine der letzten Rebellenenklaven stand die Provinz bereits im April 2018 unter Dauerbombardement des Regimes. Schon da war zu erahnen, was Assad mit Idlib vorhat: die restliche Opposition in einer Region zusammenzutreiben, um sie dann endgültig auszulöschen. Auch wenn Idlib eigentlich als Deeskalationszone deklariert wurde, greift das Regime dort an wie schon in Homs, Aleppo, Ghuta und Daraa: systematisch und brutal.

Autofahrt durch ein zerstörtes Dorf in Ostghuta © Andrea Backhaus

Offiziell geht Assad "gegen Terroristen" vor. Was das heißt, habe ich in einem Dorf in Ostghuta gesehen, das nur wenige Tage zuvor zurückerobert worden war: Das Regime bombardiert vor allem zivile Einrichtungen, Krankenhäuser, Schulen, Bäckereien und zwar so lange, bis davon nichts mehr übrig ist außer Schutt. Durch die Autoscheibe sah ich zerborstene Betonplatten, in sich zusammengefallene Wohnhäuser, verbrannte Autowracks, aus dem Boden gerissene Telefonmasten. Dazwischen stakten einige wenige Bewohner, die die Bombardements in unterirdischen Kellern überlebt hatten, mit langsamen und unsicheren Schritten durch die staubigen und von tiefen Kratern durchsetzten Straßen. So stelle ich mir die Apokalypse vor. 

600 Luftangriffe innerhalb von 24 Stunden

Die Strategie dahinter ist immer ähnlich: Erst belagert das Regime das Oppositionsgebiet und lässt so kaum Nahrung, Medikamente und andere Hilfsmittel in die eingeschlossene Provinz, um die Menschen physisch wie psychisch zu schwächen. Dann werfen die syrische und russische Luftwaffe mit zunehmender Häufigkeit Fass- und Phosphorbomben, beschießen das Gebiet mit Raketen und Streumunition, um die Menschen entweder direkt in ihren Wohnungen, auf Märkten oder Plätzen zu töten oder sie aus ihren Häusern zu vertreiben. Viele Menschen in Idlib harren derzeit im Freien zwischen Bäumen aus, in der Hoffnung, nicht beim nächsten Einschlag getroffen zu werden.

Zuletzt folgt die lang gefürchtete Offensive, die nun auch in Idlib begonnen hat: Bodentruppen, die Dorf nach Dorf einnehmen, dazu bombardieren die russische und syrische Luftwaffe Kleinstädte und Dörfer in den Regionen Hama und Idlib fast ohne Pause. Beobachter zählten vor Kurzem rund 600 Angriffe innerhalb von nur 24 Stunden. Dabei bombardieren sie auch gezielt medizinische Einrichtungen – mindestens 20 wurden bereits ganz oder teilweise zerstört – und Kornfelder. Mit der Strategie der verbrannten Erde soll die Grundlage der Nahrungsversorgung zerstört werden – was dramatische Folgen für die Menschen hat, denn zahlreiche Organisationen haben ihre Hilfe für Idlib eingestellt. Jüngst kam wieder der Verdacht eines weiteren Giftgaseinsatzes auf, von denen schon so viele ohne Konsequenzen blieben – und vor denen die Syrer angesichts der täglichen Bombardements noch am wenigsten Angst haben.