Wenn die Russen von Neid sprechen, dann unterscheiden sie zwischen weißem und schwarzem Neid, belaja und tschornaja sawist. Schwarzer Neid ist wie die Eifersucht. Er nagt am Menschen und macht ihn missgünstig. Weißer Neid bleibt zwar Neid, ist aber insgeheim eine anerkennende Verbeugung: Ich gönne dir, was du erreicht hast, und wünsche mir für mich selbst etwas Ähnliches. Darum beneide ich dich.

Als ich an diesem Montag mit meiner Bekannten in Moskau zusammensitze, erzählt sie von dem weißen Neid, den sie fühlt. Sie: politisch, liberal, russische Intelligenzija – die sich an Jelzins Neunzigerjahre nicht nur als Krise erinnert mit nicht ausgezahlten Gehältern und Hyperinflation, sondern auch als eine Zeit der Hoffnung und des Aufbruchs. Nach und nach hatte sie sich eine Schicht empirisch unterfütterter Abgeklärtheit zugelegt. Wenig schien da hindurchzudringen.

Russische Soldaten sterben in der Ostukraine? Wundert sie nicht. Hinter dem Nowitschok-Attentat in Salisbury steckt offenbar der russische Militärgeheimdienst? Überrascht sie auch nicht wirklich. Russen sollen sich in die Präsidentschaftswahl in den USA eingemischt haben? Machten doch bestimmt andere auch so, nur eben geschickter als die Russen. In Jekaterinburg protestieren die Einwohner gegen den Bau einer neuen Kirche, um ihren Park zu retten, in Archangelsk gegen den Müll, der ihnen aus Moskau geliefert wird? Das werde ja doch nichts ändern. Hatte ich ihr von meinen Eindrücken im ukrainischen Wahlkampf erzählt, schien sie überzeugt, dass alles wie immer enden werde.

"Sie haben einen Wechsel erwirkt!"

Nun aber wirkt sie fast euphorisch. Den ganzen Tag hatte sie die Amtseinführung des sechsten Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, verfolgt. Wie viele Russen kennt sie ihn seit Jahren als Unterhalter aus dem Fernsehen, seine Sendungen sind populär. Selenskyjs Karriere begann beim KWN, einer Art Comedywettbewerb, der in der Sowjetunion seinen Anfang nahm und nach 1991 beliebt blieb. Er gewann ihn 1997. "Uns erzählen sie hier die ganze Zeit, dass dort alles den Bach runtergehen werde, dass ein Clown an der Macht sei. Aber die Ukrainer spüren Luft! Sie können endlich atmen! Sie haben einen Wechsel erwirkt!" Sie lacht. "Ganz ehrlich: Lieber einen Clown als einen KGBler." Dann sagt sie wieder und wieder einen Satz: "Ich beneide die Ukrainer aus tiefster Seele."

Da war Wolodymyr Selenskyj, der zu Fuß zum Parlament kommt und lachend für Selfies posiert, der sich so nah an die Menschen traut, dass man auf den professionellen Fotos später Schwierigkeiten hat, ihn auf Anhieb in der Menge zu erkennen. Der eine wuchtige Rede im Parlament hält, die damit beginnt, dass nicht nur er Präsident ist, sondern alle Ukrainer Präsident sind, auch jene, die ihn nicht gewählt haben. Der das Parlament auflöst und den Abgeordneten sagt, dass sie in den nächsten zwei Monaten doch bitte die Immunität aufheben und den Generalstaatsanwalt, den Verteidigungsminister und den Geheimdienstchef entlassen sollen. Der nicht weniger erklärt, als den Krieg beenden zu wollen, und dabei aus dem Ukrainischen ins Russische wechselt.

Alles eine große Show? Sicher, und eine ziemlich gute dazu. Der Mann versteht was von Bildern und Unterhaltung. Und doch verliert sich meine Bekannte plötzlich in ihrem weißen Neid. Sie weiß um die Macht der ukrainischen Oligarchen, sie ist informiert über Selenskyjs Geschäftsbeziehungen zu dem Oligarchen Ihor Kolomojskyj und darüber, dass ebendieser nur darauf zu warten scheint, wieder in der Politik mitzumischen. Sie kennt die Durchschnittsrente in der Ukraine, etwa 70 Euro, sie weiß, dass das Durchschnittsgehalt niedriger ist als in Russland. Vielleicht weiß sie sogar, dass Petro Poroschenkos angebliche Schullehrerin über ihn lästert, was für ein ungezogener Schüler er war. Wer die russischen Staatssender in den vergangenen Wochen einschaltete, kam an der Flut desolater Berichte über die Ukraine nicht vorbei. Rauf und runter liefen Sendungen über die ukrainische Wahl, die ganz sicher gefälscht sein würde. Bis dann Wolodymyr Selenskyj gegen den Amtsinhaber Poroschenko gewann.

Meine Bekannte ist sicher keine typische Durchschnittsrussin. Und ganz sicher spiegelt sie nicht die Mehrheitsmeinung wider. Aber allein ist sie mit ihrem weißen Neid eben auch nicht. Die angesehene russische Tageszeitung Wedomosti veröffentlichte gleich zwei Leitartikel unter der Überschrift: "Wir wollen es so wie in der Ukraine haben". Der erste erschien vor ein paar Wochen, als sich der amtierende Präsident mit seinem Konkurrenten kurz vor der Wahl in einem Stadion einen Schlagabtausch lieferte. Das, schrieben die Journalisten, "ist – ganz gleich in welchem Format – in Russland einfach unmöglich". Im aktuellen Leitartikel heißt es, dass Selenskyj mit seinem Auftritt bereits jetzt schon viel dafür getan habe, um mit Wladimir Putin verglichen zu werden.

Und tatsächlich: Das Netz wurde geflutet von einem Videovergleich zwischen einem energischen Selenskyj, der bei der Amtseinführung entlang jubelnder Menschen läuft, Hände abklatscht und lacht, und einem müden Putin, der allein in seine Limousine steigt. Weit und breit kein Volk zu sehen, der Platz ist abgeriegelt, einsam rast seine Limousine über abgesperrte Moskauer Straßen. Eine verzerrte, unfaire Gegenüberstellung? Sicher, aber eben auch eine Interpretation von zwei Jahrzehnten Putinscher Macht.

Wollt ihr solches Chaos, solches Elend?

Ein Satz, den ich auf meinen Reisen durch Russland Dutzende Male gehört habe, lautet: "Von uns hängt ja doch nichts ab." Der Mensch kann nichts bewirken, sondern nur zusehen, wie das mächtige Getriebe läuft, und deshalb ist es besser, nicht aufzufallen, um keinen Ärger zu bekommen. Diese Passivität geht Hand in Hand mit dem Versprechen von Stabilität. Es fehlt in Russland seit Jahren an dringenden Reformen, die Korruption wird nicht bekämpft, es gibt keine unabhängigen Gerichte, die Wirtschaft wird nicht modernisiert, die Realeinkommen sinken – aber dafür hat das Volk Stabilität!

Doch die Stabilität ist nur eine scheinbare. Sie ist längst zur Lähmung geworden, und sie legitimiert sich über Angst. Sobald Proteste dräuen, sobald der Wunsch nach Wandel sich zart artikuliert, zeigt der Finger auf den ukrainischen Nachbarn, schlimmste Szenarien werden beschworen: Wollt ihr etwa solche Zustände? Solches Chaos, solches Elend? Wollt ihr einen Umsturz, einen Krieg? Wollt ihr wirklich, dass es bei uns so wird wie in der Ukraine? An diesem Tag bringen einige Russen trotzdem ein zaghaftes Ja heraus.

Meine Bekannte hofft auf den Wandel im Nachbarland und weiß doch zu gut, dass bald schon die schlechten Nachrichten aus der Ukraine wiederkommen können. Hatte Selenskyj im Wahlkampf vom Krieg gegen die Korruption gesprochen, erwähnt er sie in seiner Antrittsrede mit keinem Wort. Zum Chef seiner Präsidialverwaltung hat er ausgerechnet einen Mann ernannt, der Anwalt des Oligarchen Kolomojskyj ist. Möglich, dass sich nichts zum Besseren wendet in der Ukraine. Für diesen Augenblick aber will meine Bekannte andere ein bisschen dafür beneiden, dass sie endlich Luft holen können.