Wie sich die dramatischen Bilder gleichen: Im Herbst 2015 erschütterte das Foto des dreijährigen Alan Kurdi die Welt; der syrische Junge war auf der Flucht nach Europa vor der türkischen Küste ertrunken. Seit der vergangenen Woche schockiert die Welt das Foto eines toten Vaters und seiner kleinen Tochter aus El Salvador, die auf ihrer Flucht in die USA im Grenzfluss Rio Grande ums Leben kamen.

Es sind grausame Zeugnisse des weltweit wachsenden Flüchtlingselends. Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sind derzeit mehr als 70 Millionen Menschen auf der Flucht. Jeden Tag sterben etliche von ihnen, auch vor Europas Türen, im zentralen Mittelmeer, ertrinken fast jede Woche Flüchtlinge und Migranten.

Obwohl dieses Weltproblem immer heftiger auch die reichen Staaten bedrängt, spielte es auf dem G20-Gipfel am vergangenen Wochenende im japanischen Osaka keine Rolle. Nur Russlands Präsident Wladimir Putin nutzte die internationale Bühne für seine zynische Sicht auf die Dinge. In einem Interview mit der Financial Times nannte er Angela Merkels Entscheidung, in den Jahren 2015 und 2016 Hunderttausenden von Bürgerkriegsflüchtlingen Schutz zu gewähren, einen "Kardinalfehler". Im gleichen Atemzug lobte er die harsche Migrationspolitik des amerikanischen Präsidenten Donald Trump.

Putin ließ syrische Krankenhäuser bombardieren

Ausgerechnet Putin. Russlands Präsident trägt maßgeblich Mitschuld daran, dass Millionen von Syrern fliehen mussten – und immer noch müssen. Seine Luftwaffe half mit, Wohnviertel und Krankenhäuser zu bombardieren. Es ist eine Wahrheit, die Putin nicht hören will: Deutschland nimmt massenhaft Menschen auf, die Russlands Militär in die Flucht getrieben hat.

Aber lassen sich, wie Putin es soeben tat, die Flüchtlingskrisen in Deutschland und in den Vereinigten Staaten, Merkel und Trump über einen Kamm scheren? Es gibt nur wenige Parallelen. Im Kern unterscheiden sich die Krisen gewaltig, sowohl was die Zahlen angeht als auch in ihren Ursachen und Folgen.

Die Zahlen: Mehr als eine Million Menschen baten zwischen 2015 und 2016 um Asyl in Deutschland; ebenso viele Flüchtlinge könnten dieses Jahr einen Asylantrag in den Vereinigten Staaten stellen. Das sind gewaltige Zahlen. Aber die USA haben rund viermal so viele Einwohner wie Deutschland. Folglich: Eine Million Flüchtlinge in Deutschland wären vergleichsweise mindestens vier Millionen Flüchtlinge in den USA.

Die Asylgründe: In Europa und Deutschland suchten überwiegend Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien und dem Irak Schutz. In die Vereinigten Staaten strömen derzeit vor allem Menschen aus Guatemala, Honduras und El Salvador. Sie entfliehen staatlicher Willkür und der Gewalt krimineller Banden – oder, wie in Guatemala, der jahrelangen Dürre, die ihnen die Lebensgrundlage raubt.

Diese Mittelamerikaner sind – anders als etwa Syrer oder Iraker – auf den ersten Blick keine Flüchtlinge im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention. Weder sind sie Opfer eines Bürgerkriegs noch wurden sie in der Regel individuell politisch verfolgt.

Die juristische Lage ist unklarer geworden

Die in den USA für Asylanerkennungen allein zuständigen sogenannten Einwanderungsgerichte sahen das in der Vergangenheit ein bisschen großzügiger. Jedenfalls, bis der Justizminister, dem die weisungsgebundenen Einwanderungsgerichte unterstehen, im vergangenen Jahr einen Kurswechsel anordnete. Seither ist die Lage unklar, die Gerichte urteilen mal so, mal anders.

Ginge es gerecht zu, hätten viele Asylbewerber aus Mittelamerika durchaus einen triftigen Fluchtgrund, der auch durch die Genfer Flüchtlingskonvention gedeckt wäre. Denn eine wachsende Zahl an Mittelamerikanern verlässt die Heimat nicht nur aus bloßer Angst vor der um sich greifenden Bandengewalt, vor schlagenden Ehemännern und vor der Ausbeutung durch skrupellose Landbesitzer. Sondern vor allem, weil ihr Staat, weil Polizei und Justiz keinen Schutz bieten. Entweder, weil sie es nicht wollen oder weil sie es nicht können. Die Unfähigkeit, die eigenen Bürger, vor allem die Angehörigen ethnischer Minderheiten, zu schützen, hat in diesen Ländern durchaus System.

Die Überforderung: Die Vereinigten Staaten waren immer ein klassisches Einwanderungsland, aber kein Asylland. Anders als in Deutschland bitten vergleichsweise nur wenige Menschen an der Grenze um Schutz vor Verfolgung.