Sie tanzten auf den Straßen und in den Cafes, auf der zentralen Einkaufsstraße Istiklal am Taksim-Platz versammelten sich Tausende Menschen und riefen, immer wieder: "Her şey çok güzel olacak!" ("Alles wird sehr schön").

Es ist der Wahlkampfslogan ihres Helden, des nun tatsächlich gewählten neuen Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu. Es geht den Feiernden aber nicht nur um ihre Stadt. Sie hoffen, dass der Sieg İmamoğlus in der 16-Millionen-Einwohner-Stadt auch das Ende der Ära Erdoğan einläuten wird.

Kann er dem mächtigen Präsidenten tatsächlich gefährlich werden? Das wird zum einen davon abhängen, wie İmamoğlu sein neues Amt ausfüllt – sollte ihn die nationale Wahlbehörde offiziell zum Sieger erklären und ihm das Mandat erteilen. Zum anderen aber wird der Erfolg des neuen türkischen Politstars von Faktoren abhängen, die mit Stadtpolitik gar nichts zu tun haben.

AKP dominiert das Stadtparlament

Zunächst zu Istanbul. Dort wird İmamoğlu auf große Widerstände stoßen. Nach den Kommunalwahlen hat sich nämlich auch das Stadtparlament im Rathaus von Istanbul neu zusammengesetzt. Dort erwartet İmamoğlu eine Mehrheit, die gegen ihn ist. Die AKP dürfte zusammen mit ihrem langjährigen Kooperationspartner, der rechtsnationalen MHP, auf mehr als 170 Sitze im Stadtparlament kommen. Der Block, der İmamoğlu unterstützt, hingegen auf etwa 140 Sitze.

Bestenfalls läuft es für İmamoğlu so wie im April, als er bereits für 18 Tage auf dem Chefsessel des Rathauses saß. Als seine CHP-Fraktion eine Kommission für den Kampf gegen Drogenmissbrauch anregte, blockierte die AKP den vorgeschlagenen Entwurf. Weil aber die entsprechende Sitzung auf İmamoğlus Initiative hin live übertragen wurde und die Aufmerksamkeit wegen der Aufregung um İmamoğlus Wahl hoch war, bekamen viele Istanbuler den Streit mit. In den sozialen Medien wurde die AKP schließlich stark kritisiert, weil sie sich gegen den Vorschlag der CHP stellte. Einige Tage später ruderte die AKP zurück und regte ihrerseits eine Initiative an, die sich mit der Rehabilitierung von Süchtigen und dem Kampf gegen Drogenmissbrauch befassen soll.

Herr über das Geld

İmamoğlu kündigte im Wahlkampf an, die Stadt wirtschaftlicher zu machen, "verschwenderische Politik" werde er nicht erlauben. Nach türkischen Medienberichten floss bis 2018 ein Teil des Budgets der Stadt an islamische Stiftungen und Vereine, die Erdoğan oder seinem Umfeld nahestehen. Bis vergangenes Jahr sollen etwa 800 Millionen Lira (120 Millionen Euro) überwiesen worden sein – unter der Aufsicht von AKP-Bürgermeistern.

Istanbul hat ein Haushaltsbudget von mehr als drei Milliarden Euro. Es gibt also viel Geld auszugeben und potentielle Wählerstimmen zu gewinnen. Sollte İmamoğlu wieder auf dem Chefsessel im Rathaus von Istanbul sitzen, dürfte zumindest das Netzwerk des türkischen Präsidenten erheblich gestört werden.

Das allerdings heißt noch nicht, dass İmamoğlu das Geld der Stadt und seine Macht so einsetzt, dass die Bürger damit zufrieden sind. Sein 18-Tage-Kurzeinsatz als Oberbürgermeister gibt aber einen Hinweis, in welche Richtung İmamoğlu will. Unter seiner Führung wurden in der Zeit die Preise im öffentlichen Nahverkehr für Schüler und Studenten gesenkt und Wasser günstiger. Schon angekündigt hat İmamoğlu außerdem, in der völlig zugebauten Metropole wieder für mehr Grünflächen sorgen zu wollen, mehr Geld für Sozialleistungen bereitzustellen und auch etwas gegen die hohen Lebensmittelpreise zu tun. Es könnte teuer werden.