Elizabeth Warren? Wer braucht schon Elizabeth Warren als demokratische Präsidentschaftskandidatin, wenn Bernie Sanders für die linken und progressiven Demokraten an den Start geht? Er vertritt die Ideen von Mindestlohn, kostenloser Ausbildung und flächendeckender Krankenversicherung der Linken konsequenter als die Senatorin aus Massachusetts, der oft ein leichter Professorinnen-Charme zugeschrieben wird. Und dann ist da noch der Spitzname, den Donald Trump Warren vor Jahren gegeben hat: Pocahontas. So nennt der US-Präsident Warren eigentlich immer. Aber dazu später.

Nicht links genug, um Sanders zu schlagen, zu progressiv, um moderate Demokratinnen und Demokraten zu überzeugen, und eine vermeintlich dankbare Angriffsfläche für Trump – bisher haben nur wenige Elizabeth Warren ernsthafte Chancen eingeräumt, Präsidentschaftskandidatin ihrer Partei zu werden. Sicher, in dem unübersichtlichen Feld von 24 Bewerberinnen und Bewerbern gehört die 70-Jährige zu den bekanntesten Namen. Sie hat Politikerfahrung, und sie ist unbenommen sehr klug. Aber für Frontrunner wie Joe Biden oder Sanders und dazu Überraschungskandidaten wie Pete Buttigieg schien sie nicht viel mehr als eine achtbare, doch leicht zu schlagende Gegnerin.

Bis jetzt. An diesem Mittwoch und Donnerstag veranstalten die Demokraten ihre ersten beiden TV-Debatten. Es sind zwei, um alle Kandidaten unterbringen zu können. Und Warren, die einen Platz in der ersten Debatte zugelost bekommen hat, ist in den vergangenen Wochen zu der Kandidatin geworden, auf die ihre Gegner genau schauen: von der Außenseiterin zur gefährlichsten Konkurrentin. Sie steigert stetig ihre Umfragewerte, hat Sanders teilweise überholt und liegt in diesen Umfragen hinter Biden auf Rang zwei. Wie konnte das passieren?

Beobachtet man Warren bei Wahlkampfauftritten vor ganz unterschiedlichem Publikum, wird deutlich: Die Senatorin bleibt sich, ihrer Botschaft und ihren Fakten treu. Anders als Hillary Clinton, die sowohl im Vorwahlkampf gegen Bernie Sanders als auch im Rennen gegen Donald Trump immer wieder versuchte, ihre Ansprache dem Publikum anzupassen und deshalb verkrampft und nicht authentisch wirkte, erlebt man Warren genau so, wie sie auch schon 2012 im Wahlkampf in Massachusetts auftrat.

Ihre Strategie: Inhalte, Inhalte, Inhalte

"Hier bin ich, das sind meine Ideen, lasst uns diesen Wahlkampf zu einem Wettstreit der Ideen machen" – das ist Warrens Botschaft. Und sie wiederholt sie konsequent, sei es bei einer Rede bei Jim Clyburn's World Famous Fish Fry in South Carolina oder in der Late Show with Stephen Colbert zur Hauptsendezeit. Selbst dort begnügt sie sich nicht mit Unterhaltung. Colberts gefällige Fragen beantwortet sie nicht mit ebenso gefälligen Witzchen, stattdessen hält sie einen mit Zahlen gespickten Kurzvortrag über steigende Bildungskosten und die Schwierigkeit einer ganzen Generation, ihren Kindern ein Studium zu ermöglichen.

"Warren ist eine brillante Wahlkämpferin, die anders als Clinton 2016 eine klare Strategie hat", sagt die Topberaterin eines ihrer demokratischen Gegner, der weit vorn liegt. Und diese Strategie heißt: Inhalte, Inhalte, Inhalte; immer bei der Sache bleiben. Seit Wochen tritt sie in unzähligen Bundesstaaten auf und setzt ihre Gegner mit detaillierten Plänen für die unterschiedlichsten Themen unter Druck. Die Harvard-Professorin ist seit 2012 Senatorin und noch länger eine Kritikerin der Wall Street und Einkommensungerechtigkeit. Sie ist dagegen, die Regulierung für Banken zu lockern, fordert höhere Steuern für reiche Amerikaner, nimmt keine Großspenden in ihrem Wahlkampf an und will große Tech-Konzerne zerschlagen. Google, Amazon und Facebook hätten "zu viel Macht über unsere Wirtschaft, unsere Gesellschaft, und unsere Demokratie", schreibt Warren.