Was ist denn plötzlich mit den Georgiern los? Diese Frage stellen sich derzeit Millionen Russen, die mit Sorge und Unverständnis auf das Nachbarland im Süden schauen. "Fuck Russia", steht auf dem Plakat einer Demonstrantin aus Tbilissi, das gerade tausendfach in russischen sozialen Netzwerken geteilt wird. Staatliche Sender berichten von Cafés aus der georgischen Hauptstadt, die plötzlich einen Aufschlag von russischen Touristen fordern, während drei Fußballteams in Georgien am vergangenen Spieltag mit T-Shirts aufliefen, auf denen Russland als Besatzungsmacht bezeichnet wird. Unterdessen gehen in der Hauptstadt Tbilissi die Proteste weiter.

Es war ein scheinbar absurder Anlass, der alte Wunden zwischen Georgien und Russland wieder aufreißen ließ. Ein russischer Abgeordneter hatte während eines Besuchs im georgischen Parlament vom Platz des georgischen Parlamentssprechers zu einer Rede auf Russisch angesetzt. Ein Vorfall, den nicht nur Nationalisten als Affront empfanden. Tausende machten auf den Straßen ihrer Wut auf Russland, aber auch auf die Regierungspartei Georgischer Traum Luft. Die Regierungspartei habe diesen Vorfall zugelassen und sei insgesamt zu freundlich im politischen Umgang mit Russland. Später musste der Parlamentssprecher sein Amt niederlegen. Weil die Polizei jedoch hart gegen die Demonstranten vorging, fordern sie nun den Rücktritt des Innenministers. Am Donnerstagabend machte sich ein Protestmarsch zur Residenz von Milliardär und Parteichef Bidsina Iwanischwili auf, nicht zum letzten Mal: Seit mehr als einer Woche wird täglich demonstriert, und es soll immer so weitergehen, bis die Forderungen erfüllt sind. Der Konflikt mit Russland droht das Land in eine politische Krise zu stürzen.

Dabei galt das Verhältnis zwischen den beiden Ländern vielen in Russland, aber auch in Georgien als einigermaßen gekittet. Der Handel nahm im vergangenen Jahr um 25 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro zu. Fast 13 Prozent der Ausfuhren aus Georgien fließen nach Russland. Wein und Mineralwasser aus Georgien stehen mittlerweile in fast jedem Supermarkt zwischen Kaliningrad und Wladiwostok. Dabei hat Russland erst 2013 die Einfuhr georgischer Lebensmittel wieder zugelassen. Gleichzeitig avancierte das Land zwischen dem Kaukasusgebirge und der Schwarzmeerküste wieder zum beliebten Reiseland der Russen. Nach Angaben des georgischen Tourismusverbands kamen insgesamt 1,4 Millionen Urlauber aus Russland, insgesamt jeder dritte Urlauber im Land. Seit Jahren genießt georgische Musik und georgische Küche wieder Kultstatus in Russlands Metropolen, ablesbar etwa an den zahlreichen georgischen Restaurants, die in den vergangenen Jahren überall eröffneten.

Der Krieg ist nicht einfach abgehakt

Zwar strebt das Land in die Nato und auch in die EU, was Moskau verhindern will. Gleichzeitig attestierte der russische Präsident Wladimir Putin der georgischen Führung Pragmatismus und stellte gar eine Abschaffung der Visapflicht in Aussicht. Fast vergessen scheint der Krieg zwischen Russland und Georgien, als der damalige Präsident Micheil Saakaschwili das abtrünnige und von Moskau unterstütze Gebiet Südossetien wieder unter staatliche Kontrolle bringen wollte. Russlands Streitkräfte stießen auf georgisches Territorium vor und bombardierten Städte im Hinterland. Insgesamt starben bei den Kämpfen auf beiden Seiten mehrere Hundert Menschen. Seitdem erkennt Russland die völkerrechtlich zu Georgien gehörenden Gebiete Abchasien und Südossetien als unabhängige Staaten an und unterstützt diese finanziell.

In den vergangenen Jahren ist wieder Ruhe und Besonnenheit zwischen den Ländern eingekehrt. Doch der Pragmatismus der Georgier, die eigenen wirtschaftlichen Vorteile nicht durch verbale Eskalation aufs Spiel zu setzen, hat nicht nur bei vielen einfachen Russen, sondern auch in der Machtelite den falschen Eindruck erweckt, die Kaukasusrepublik habe den Krieg abgehakt.