Der ehemalige britische Außenminister Boris Johnson bleibt Favorit auf die Nachfolge von Theresa May. Bei der zweiten Wahlrunde für den Parteivorsitz bei den Konservativen stimmten 126 der 313 wahlberechtigten Tory-Abgeordneten für den Brexit-Befürworter. Ebenfalls eine Runde weiter sind Außenminister Jeremy Hunt, Umweltminister Michael Gove, Innenminister Sajid Javid sowie Überraschungskandidat Rory Stewart. Der ehemalige Brexit-Minister Dominic Raab schied aus, da er weniger als 33 Stimmen erhielt.

Jeremy Hunt erreichte mit 46 Stimmten den zweiten Platz. Das waren drei mehr als in der ersten Abstimmung. Rory Stewart, der zunächst als Außenseiter gehandelt worden war, konnte die Zahl seiner Unterstützerinnen und Unterstützer von 19 auf 37 nahezu verdoppeln. Johnson war mit 114 von 313 Stimmen bereits als klarer Sieger aus dem ersten Wahlgang hervorgegangen.

In TV-Debatte legt sich Johnson nicht fest

In einer TV-Debatte zwischen den fünf verbliebenen Bewerbern wollte sich Johnson in der BBC am Abend nicht festlegen lassen, ob er das Land im Zweifel auch ohne Abkommen am 31. Oktober aus der EU führen wird. "Wir müssen rauskommen", sagte er. "Ansonsten, fürchte ich, werden wir einen katastrophalen Vertrauensverlust in die Politik erleben." Gleichzeitig sagte er, niemand wolle einen "ungeordneten Brexit". Bisher hatte sich der für provokante Äußerungen berüchtigte Johnson in der Öffentlichkeit auffällig zurückgehalten. Auch in der Debatte präsentierte er sich verhältnismäßig zahm. 

Johnson will das dreimal im Parlament gescheiterte Brexit-Abkommen mit Brüssel nachverhandeln. Die EU lehnt das aber kategorisch ab. Einziger Ausweg, um den Austritt trotzdem rechtzeitig zu vollziehen, wäre ein No-Deal-Brexit, auf den viele Johnson-Unterstützer hoffen. Johnson war einer der Wortführer für den Brexit vor der Volksabstimmung im Jahr 2016. Die Britinnen und Briten hatten sich damals mit knapper Mehrheit für den EU-Austritt ausgesprochen.

Der einzige Kandidat, der einen ungeordneten Brexit ablehnt, ist Stewart. Er will notfalls mithilfe einer Bürgerversammlung doch noch eine Mehrheit für den Brexit-Deal im Parlament zusammenbekommen. Er forderte Johnson bereits mehrfach dazu auf, zu erklären, wie er seine vollmundigen Versprechungen in Sachen EU-Austritt in die Realität umsetzen will. Spekulationen, Stewart könne erheblichen Druck auf Johnson ausüben, bestätigten sich in der Fernsehdebatte jedoch nicht.

May bleibt kommissarisch im Amt

Bis Donnerstag soll die Zahl der Bewerber in weiteren Wahlrunden, bei denen jeweils der Letztplatzierte ausscheidet, von der Fraktion auf zwei Kandidaten reduziert werden. Wer Parteichef und damit Premierminister wird, sollen dann die rund 160.000 Mitglieder der Konservativen Partei entscheiden.

Das Wahlergebnis soll Ende Juli bekannt gegeben werden. Bis zu diesem Zeitpunkt bleibt May geschäftsführend im Amt. May hat ihren Rücktritt angekündigt, weil es ihr nicht gelungen ist, im Unterhaus eine Mehrheit für das mit der EU ausgehandelte Brexit-Abkommen zu erreichen.