Michael ist nur schwer zu verstehen. Er muss gegen das Geläut der Kirchenglocken anreden, was ihm mit seinen 85 Jahren schwerfällt. Die Hochzeitsgesellschaft vor der pittoresken Dorfkirche beachtet er kaum, auch nicht die chinesischen Touristen, die von der Idylle Fotos schießen. Der Landstrich der Cotswolds nordwestlich von Oxford ist berühmt für seine verwunschenen Dörfer, für eine friedliche Stimmung, die es in Wahrheit nicht mehr gibt.

"Boris kann man nicht täuschen. Der hat Durchsetzungskraft. Der wird den Brexit schaffen", sagt Michael. Er steht im Eingang eines der alten Häuser am Kirchplatz. "Boris ist besser als dieser andere ..." Der Name des Außenministers Jeremy Hunt, der ebenfalls für das Amt des britischen Premierministers kandidiert, fällt ihm nicht ein, obwohl Michael immer die Konservative Partei gewählt hat, wie die meisten Leute, die er hier im Städtchen Stow-on-the-Wold kennt. Die alten Leute hier sind genau die Konservativen, die – wenn sie Parteimitglieder sind – in den nächsten Wochen darüber befinden müssen, ob der ehemalige Bürgermeister von London, Boris Johnson, oder eben Jeremy Hunt den Posten erhält.

Die Kirchenglocken sind so laut, dass Michael sich in das Gebäude rettet. Dort findet in einer Halle gerade ein Flohmarkt statt. "Großbritannien hat immer allein gestanden, wir haben es immer allein geschafft", meint er, wird aber schroff unterbrochen. "So ein Quatsch", fällt ihm eine 81-jährige Frau ins Wort, die selbst gemachte Marmelade und Scones verkauft. Es ist Betty. Sie ist konservatives Parteimitglied. "Wir haben den Krieg nicht allein gewonnen. Das haben wir nur mit den Amerikanern geschafft. Nichts schaffen wir allein. Dieser Brexit ist Unsinn."

"Der weiß nicht, was er sagt. Es endet im Chaos"

Michael hat Betty auf dem falschen Fuß erwischt. Während sie Erdbeer-, Pflaumen- und Himbeermarmelade an die Dorfbewohner verkauft und Wechselgeld abzählt, lässt sie ihrem Ärger Luft. Sie atmet schwer. Die Aufregung tut ihr nicht gut.

Sie hat für den Verbleib in der EU gestimmt. Ihr Sohn arbeitet in Deutschland bei Ford. Er habe eine Woche nicht mit ihr gesprochen, als das Ergebnis des Brexit-Referendums bekannt geworden sei. "Die nehmen uns die Freiheit, unseren Kindern die Zukunft. Sie ruinieren die Automobilbranche. Es ist absurd."

Michael wagt sich noch mal vor: "Boris hat Charisma." Betty will davon nichts hören. "Der ist ein Idiot", sagt sie. "Aber er kann fünf Sprachen", versucht es Michael erneut. "Unsinn. Selbst wenn er neun Sprachen kann. Der weiß nicht, was er sagt. Es endet im Chaos."

Refugium der Reichen und Schönen

Aber in dieser idyllischen Landschaft immergrüner Wiesen und märchenhafter Dörfer gibt es mächtige Interessen, die hinter dem Brexit stehen, die Partei und Boris Johnson stützen: Lord und Lady Bamford zum Beispiel, Eigentümer des britischen Baumaschinenherstellers JCB und der Bio-Farm Daylesford. Das Sanctum Daylesford ist nicht irgendein grüner Bauernhof, sondern ein Refugium all der Reichen und Schönen, die in den Cotswolds ihr Wochenendhaus haben, mit ihren Oldtimern oder Geländewagen vorfahren und sich dann bei Springbrunnengeplätscher und Zen-Atmosphäre dem Bio-Shopping widmen: Gourmetlachs, handverlesene Brokkoliröschen, das Feinschmeckerrestaurant gleich daneben, exklusive Modeshops und ein Spa mit Cannabinoiden, verabreicht durch weiß gekleidete Gestalten.

Es ist das Refugium von Lady Bamford, einer cleveren Geschäftsfrau auf dem Bio-Trip. Sie und ihr Ehemann sind einflussreiche Sponsoren der Konservativen Partei, er selbst ein Aushängeschild für den Erfolg britischer Industrie. Dass er im Jahr 2000 eine deftige Strafe der EU wegen verbotener Preisabsprachen in Höhe von 22 Millionen Pfund zahlen musste, wird nicht erwähnt. Bamford ist einer der Hauptunterstützer der Partei und sollte deshalb vom ehemaligen Premierminister David Cameron in das House of Lords berufen werden. Cameron lebt nur wenige Dörfer entfernt von Daylesford.

All diese Interessen hat Sir Geoffrey Clifton-Brown zu berücksichtigten, der Abgeordnete der Cotswolds, der dieser Tage mehr Zeit im hektischen Westminister verbringt als auf dem Land. Von seinem mit britischer Eiche getäfelten Büro blickt der 66-Jährige über die Themse. Auf einer Landkarte in seinem Zimmer erklärt er die ländlichen und städtischen Gebiete seines Wahlkreises, aber der vom Brexit überzeugte Konservative hält sich nicht lang mit den Befindlichkeiten der Region auf. "Ja. Die Cotswolds haben für den Verbleib in der EU gewählt. Aber die Nation nicht." Clifton-Brown wurde nach seinem Besuch von Eton zum Immobiliensachverständigen ausgebildet, ist seit 16 Jahren Abgeordneter der Konservativen Partei, ist dort im Vorstand, auch im 1922-Komitee, das gerade die Wahl des neuen Parteivorsitzenden und Premierministers organisiert. Er ist für Boris Johnson, obwohl er das nicht so offen sagen darf.