Die Journalistin Sandhya Ravishankar wird bedroht. © Forbidden-Stories-Netzwerk

Die Journalistin Sandhya Ravishankar wohnt und arbeitet in Chennai, der Hauptstadt des Bundestaats Tamil Nadu. Sie ist Teil des Reporterteams von Forbidden Stories, gemeinsam mit den Kollegen machte auch sie sich auf die Spuren von Jagendra Singh. Gleichzeitig ist sie aber auch Betroffene. Rund 2.000 Kilometer liegen zwischen Chennai und Shahjahanpur, zwischen dem Haus von Jagendra Singh und dem Schreibtisch von Sandhya Ravishankar. Die Probleme sind dieselben. Seit Ravishankar vor sechs Jahren begann, zum illegalen Sandabbau zu recherchieren, wurde sie immer wieder bedroht: am Telefon und in sozialen Medien, mit Vergewaltigung und mit Klagen. Sie wurde verfolgt, Unbekannte fotografierten ihr Nummernschild, bei einem Gespräch mit Informanten wurde sie von Überwachungskameras gefilmt, die Aufnahmen wurde anschließend im Internet veröffentlicht. Seit diesen Drohungen, sagt Ravishankar, habe sie ihre Recherchen aus Sicherheitsgründen von Chennai aus weitergeführt. Eine Recherche vor Ort in der Provinz ist für sie zu gefährlich.

Deshalb fuhren Reporter von Forbidden Stories ohne sie nach Kovalam, in ein Dorf südlich von Chennai an der mehr als 1.000 Kilometer langen Küste Tamil Nadus. Ein Fischer berichtete ihnen dort, dass das Meer jedes Jahr ein kleines Stück vom Strand verschluckt. Schuld daran, so der Fischer, sei der illegale Sandabbau in der Gegend. Und tatsächlich wurden in Tamil Nadu insgesamt bereits mehr als 837 Millionen Tonnen Mineralien illegal von Stränden abgetragen. Das geht aus einem vertraulichen Bericht der indischen Minenbehörde hervor, der Forbidden Stories vorliegt. Für die Fischer von Kovalam hat das Konsequenzen: Sie müssen ihre Häuser verlegen, sagt der Mann, sonst würden sie vom Meer verschluckt. Rund 300 Menschen hätten in der Gegend schon ihr Zuhause verloren. Ähnliche Geschichten hören die Reporter immer wieder. Auch in Kuttam, am südlichen Ende Indiens erzählt ein Bauer ihnen, wie Salzwasser ins Grundwasser gelangt sei. Vermutlich weil die Sandbegrenzungen, die das Grundwasser schützten, abgetragen wurden. "Das Wasser wurde salzig", sagt der Mann, "die Bananenpflanzen haben sich nicht an das Salzwasser gewöhnt. Ich musste das Land verkaufen. "

Und das Geschäft florierte weiter

Im Mai veröffentlichte das Umweltprogramm der Vereinten Nationen einen Bericht über die Umweltfolgen des Geschäfts mit dem Sand. Die Auswirkungen des Abbaus von Sand an Flüssen und Stränden, so der Bericht, seien ein Thema von weltweiter Bedeutung. Erosion, wie bei den Fischern in Kovalam, verschmutztes Grundwasser, wie bei dem Bananenbauern in Kuttam, und erhöhte Gefahr von Dürren und Überschwemmungen. Die Umweltzerstörung durch Sandmienen sei eine ausgedachte Geschichte, teilte hingegen der Sprecher eines großen indischen Unternehmen auf Anfrage mit. Für die Erosion sei die Erderwärmung verantwortlich.

2013 beschlossen die Behörden von Tamil Nadu, gegen den illegalen Abbau von Sand vorzugehen. Sie verboten privaten Firmen den Abbau und den Transport von Sandmineralien. Die Firmen wiederum zogen gegen das Verbot vor Gericht; das Verfahren läuft bis heute. Und das Geschäft florierte weiter. Trotz des Verbots exportierten private Minenfirmen zwischen 2013 und 2016 mehr als zwei Millionen Tonnen Mineralien von Indien aus ins Ausland, das geht aus Gerichtsdokumenten hervor, die Forbidden Stories vorliegen. Auch nach Deutschland wurden in diesen Jahren tonnenweise wertvolle Mineralien verschickt, trotz des Verbots, trotz der Umweltschäden. Erst im November 2016 setzte die Zollbehörde des Hafens von Thoothukudi das Verbot durch und blockierte weitere Exporte. Der Import aus Indien nach Deutschland sackte daraufhin ab: etwa von fast 15.000 Tonnen Granat in 2016 auf nur noch knapp 4.000 Tonnen in 2017. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken hervor, die der ZEIT vorliegt.

Es gibt nur eine deutsche Firma, die laut Bundesregierung von der Durchsetzung dieses Verbots betroffen ist: die Ampeco Gmbh aus Dinslaken. Nach der Blockade seiner Ladungen wandte sich der Geschäftsführer von Ampeco an das deutsche Generalkonsulat in Chennai. So steht es in internen Unterlagen und Mails, die Forbidden Stories über eine Anfrage nach Informationsfreiheitsgesetz vom Auswärtigen Amt erhielt. Und die deutschen Diplomaten halfen tatsächlich: Sie sprachen bei den indischen Behörden vor, ein Vertreter der deutschen Botschaft in Delhi begleitete Ampeco zu einem Treffen mit Vertretern des indischen Wirtschaftsministeriums und des Bergbauministeriums. Beide Termine seien produktiv verlaufen, notierten die Diplomaten später in einem Sachstandsvermerk, "Botschaft unterstützt die Firma beim Entwerfen eines Schreibens an Minister".

Das Salzwasser zerstört die Bananenplantage eines Bauern in Tamil Nadu. © Forbidden-Stories-Netzwerk

Auf schriftliche Fragen der ZEIT zu den Importen und den Gesprächen antwortete Ampeco in den vergangenen Wochen nicht. Stattdessen forderte das Unternehmen in einem Schreiben die Herausgabe sämtlicher Informationen über Ampeco und seinen Geschäftsführer. Fragen wollte dieser nicht beantworten. In einer Petition an die indische Regierung beklagte sich Ampeco über die Blockade des Sandexports, die aufgrund von Gerüchten über das Fehlverhalten Einzelner zustande gekommen sei. Die Bundesregierung teilte in ihrer Antwort auf die Anfrage mit, sie achte darauf, dass "Aspekte der Menschen- und Arbeitnehmerrechte sowie des Umweltschutzes im Rahmen der Außenwirtschaftsförderung beachtet und gewahrt werden". Fabio De Masi, Bundestagsabgeordneter der Linken, kritisiert die Bundesregierung: Wirtschaftsförderung dürfe es nicht ohne klare Regeln geben. "Es muss sichergestellt werden, dass Lieferketten verbindlich reguliert und mit wirksamen Sanktionsmechanismen versehen werden."

Währenddessen sind indischen Journalisten, die illegale Geschäfte mit den Sandmineralien offenlegen, weiterhin in Gefahr. Im Mai 2019 dokumentierte das Komitee zum Schutz der Journalisten (CPJ) den jüngsten Angriff. Dieses Mal in Odisha, einem Küstenstaat nördlich von Tamil Nadu. Sechs nicht identifizierte Personen, die eine Machete und andere scharfe Gegenstände trugen, griffen einen Journalisten an, so das Komitee. Der Journalist habe zuvor einen Artikel veröffentlicht, in dem einem örtlicher Sandabbauunternehmer illegal Geschäfte nachgewiesen wurden. "Früher, als ich anfing, gab es hier noch ein paar Journalisten", sagt Sandhya Ravishankar. Aber die seien schikaniert und bedroht worden und mussten aufhören, über illegalen Sandabbau zu berichten. "Heute bin ich wahrscheinlich die einzige, die ihre Nase noch in solche Angelegenheiten steckt", sagt sie.

Es ist ein Verhalten, das nicht passt zu dem Bild, das Indien von sich zeigen möchte

Auch die ZEIT wollte vor Ort nach illegalen Förderanlagen suchen, den Spuren der deutschen Firmen nachgehen. Ein Reporter beantragte im Februar ein Visum bei der indischen Botschaft in Berlin und führte zwei persönliche Gespräche mit den politischen Beamten der Botschaft. Es werde nur wenige Wochen dauern, dann werde er das Visum erhalten, teilten die Beamten ihm mit. Trotz mehrerer Nachfragen bekam der Reporter bis heute, vier Monate nach seinem Antrag, noch immer kein Visum ausgestellt.

Es ist ein Verhalten, das nicht passt zu dem Bild, das Indien eigentlich von sich zeigen möchte. Von diesem riesigen Land, das vielen als Gegenmodell zu China gilt: Wirtschaftlich stark, aber demokratisch. Mit Wachstum und mit freiheitlichen Rechten. Der indische Staat schützt seine Journalisten im Land nicht ausreichend vor den Angriffen mafiöser Strukturen. Und er verhindert gleichzeitig unabhängige Beobachtung von außen.

Am Tag der Beerdigung von Jagendrah Singh, dem 9. Juni 2015, reichte sein Sohn eine Klage gegen den Minister Verma und fünf Polizisten ein, wegen Verschwörung zum Mord an seinem Vater. Es dauert nicht lange, bis sich der Minister mit der Familie in Verbindung setzte. So erzählen es die Hinterbliebenen von Singh erstmals den Reportern von Forbidden Stories. Nach Singhs Tod hatte die Aufmerksamkeit der Medien die Familie für einige Wochen sicher und hoffnungsvoll gemacht. Aber irgendwann seien die Journalisten gegangen. Die Familie habe sich isoliert und hilflos gefühlt. Verwandte und Freunde drängten sie, sich mit dem Minister zu versöhnen. Singhs Witwe sagt, sie habe Angst um das Leben ihrer Kinder gehabt. "Viele unserer Verwandten haben sich plötzlich gegen uns gewandt", erinnert sie sich. "Sie sagten uns, dass das Leben meiner Kinder in Gefahr sei."

Die Familie berichtet, Minister Verma habe ihnen drei Millionen Rupien (45.000 US-Dollar) in bar gegeben. Auch dazu äußerte sich Verma auf Anfrage nicht. Die Familie von Jagendra Singh verstand. Vor Gericht unterzeichneten sie eine eidesstattliche Erklärung, dass Singh, der Journalist, ihr Vater und Ehemann, sich selbst getötet hatte. Am 23. Juli 2015 zog Singhs Sohn seine Klage gegen den Minister zurück.