Aus dem iranisch-amerikanischen Schattenkrieg wäre am vergangenen Freitag beinahe ein Schießkrieg geworden. Bereits tags zuvor hatte das US-Cyberkommando die Computer des Raketenleitsystems der iranischen Revolutionsgarden außer Gefecht gesetzt. Sie sollen die Öltanker im Golf bedroht haben. Am Freitag standen dann amerikanische Luftwaffe und Marine im Golf bereit, iranische Radar- und Raketenstellungen zu attackieren – Vergeltung für den Abschuss einer 131 Millionen Dollar teuren US-Aufklärungsdrohne. Noch um 19 Uhr erwarteten das Weiße Haus und das Pentagon einen Militärschlag. Aber dann blies Donald Trump den Einsatz ab.

Den ganzen Tag hatte Präsident Donald Trump mit sich gerungen. "Iran hat einen großen Fehler gemacht", twitterte er zunächst. Dann erklärte er, "jemand" habe wohl "loose and stupid" gehandelt, "unkontrolliert und blöd"; er bezweifle, dass der Abschuss "mit Absicht" geschehen sei. Abgeordnete und Senatoren waren besorgt. Auch aus dem Pentagon kamen ernste Warnungen, ein Drehen an der Eskalationsspirale könne die US-Soldaten im Mittleren Osten gefährden; sogar Trumps Lieblingskommentator von Fox TV warnte ihn. Zehn Minuten vor dem geplanten Schlag, als laut Trump die Waffen schon "cocked and loaded", "geladen und gespannt" waren, gab der Präsident den Befehl: "Kommando zurück!" Er reagierte auf die Auskunft eines Generals, bei dem Angriff würden 150 Leute sterben. Diese Opferzahl hielt der Präsident für "unverhältnismäßig".

Der Rückzieher verhinderte die kriegerische Zuspitzung der Spannungen, die das Verhältnis zwischen Washington und Teheran seit einem Jahr vergiften – fürs Erste jedenfalls. Doch da Trump den Vorwurf der Schwäche fürchtet, lässt er die militärische Option auf dem Tisch. Außerdem verhängte er gestern weitere Sanktionen gegen Iran.

Er hatte die Krise im Mai 2018 vom Zaun gebrochen, als er das Nuklearabkommen kündigte, das die USA, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, China und Russland in 15-jährigen Gesprächen ausgehandelt hatten. Es verpflichtete Iran auf anderthalb Jahrzehnte, keine Atomwaffen zu entwickeln, sein spaltbares Material ins Ausland zu schaffen und die Anreicherung von Uran und schwerem Wasser zu begrenzen. Trump jedoch ging dies nicht weit genug. Angestachelt von seinem Außenminister Mike Pompeo und Sicherheitsberater John Bolton verfolgt er seitdem eine Strategie "maximalen Drucks" auf Teheran. Es soll, nach Pompeos berüchtigtem 24-Punkte-Plan, auf ganzer Strecke kapitulieren. Die ständige Erweiterung drastischer Sanktionen, so hoffen die hartleibigen Iran-Gegner in Washington, werden das Regime wirtschaftlich erdrosseln und letztlich zu seinem Sturz führen.

Der Einfluss der Revolutionsgarden wird stärker

Die Rechnung ist bisher nicht aufgegangen. Sie wird auch in Zukunft nicht aufgehen. Wohl geht es dem Iran wirtschaftlich dreckig. Es fehlt an allem. Die Ölausfuhr hat sich mehr als halbiert, die Wirtschaft schrumpft in diesem Jahr um 6 Prozent, die Arbeitslosigkeit steigt, die Inflation nähert sich 40 Prozent. Die Zivilbevölkerung, vor allem der Mittelstand, leidet. Doch je mehr sich der als Reformer angetretene Präsident Hassan Ruhani in die Ecke gedrängt sieht, desto stärker wird der Einfluss der Revolutionsgarden.

Die Sanktionen haben Teherans Politik in der Region nicht verändert, sondern eher das Volk auf die Seite des Regimes gedrängt und die Hardliner zu neuen Anschlägen herausgefordert. Die Angriffe auf sechs Tankschiffe seit Mai legt Washington den Revolutionsgarden zur Last, Teheran weist dies zurück.

Mit seiner Iran-Politik ist Donald Trump nach Ansicht vieler Fachleute "auf Kollisionskurs mit sich selbst geraten". Er hat seinen Wählern versprochen, das US-Militär aus dem Mittleren Osten zurückzuziehen, wo Amerika seit 18 Jahren Kriege führt, die es nicht gewinnen kann. Jetzt hat er zu den ohnehin dort stationierten rund 40.000 Soldaten zusätzliche 2.500 Soldaten, einen Flugzeugträger und eine Bomberstaffel geschickt. Einen militärischen Konflikt kann er nicht wollen, er würde seine Wiederwahlchancen zunichte machen. Die Strategie des maximalen Drucks, wie sie einige seiner wichtigsten Berater weiterhin betreiben, könnte den Konflikt am Ende jedoch unausweichlich werden lassen.

Das Potenzial der Diplomatie wird dabei leider unterschätzt. Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe und Bundesaußenminister Heiko Maas haben in Teheran vergebens zu vermitteln versucht. Der Religionsführer Ali Chamenei hält diplomatische Verhandlungen mit Donald Trump für "unwürdig". Die Staatengemeinschaft darf die Lösung des Problems jedoch nicht den beiden Streithähnen überlassen.

Eine Beilegung des Konflikts ist schwer vorstellbar, wenn Washington nicht wenigstens die im April verhängten Sanktionen zurücknimmt, die auch Drittstaaten unter Strafe stellen, welche mit Iran Handel treiben und sein Öl kaufen. Washington müsste von seiner Strategie des maximalen Drucks – all coercion, no diplomacy – ablassen. Teheran hingegen müsste darauf verzichten, die Anreicherung und Lagerung von Uran und Schwerwasser in Richtung Waffenfähigkeit vertragswidrig wieder aufnehmen. Das hat die iranische Regierung für den 7. Juli angekündigt, sollten die Europäer nicht eine Aufhebung der Sanktionen erwirken können.

Die Frage ist, wer die Rolle des ehrlichen Maklers übernehmen könnte. Nach meiner Ansicht könnte dies nur die Vereinten Nationen sein. Mit am Verhandlungstisch sollten alle sitzen, die das Thema direkt oder indirekt berührt – nicht nur die Antagonisten USA und Iran, sondern sämtliche Staaten, denen der freie Fluss des Erdöls durch die Straße von Hormus und darüber hinaus der Friede im Nahen und Mittleren Osten am Herzen liegt. Der Helsinki-Prozess, der Europa den Ausgang aus dem Kalten Krieg eröffnete, bietet für solch ein Unterfangen ein ideales Vorbild. Ein internationaler Flottenverband, der den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus schützt, könnte den friedensichernden Anfang machen, ehe die Diplomaten ans Werk gehen.