Cornelius Adebahr ist selbstständiger Politikberater und Analyst in Berlin und seit Anfang 2006 am Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik tätig. Von 2011 bis 2013 hat Adebahr mit seiner Familie in Teheran gelebt, das er seitdem gelegentlich besucht. Im Gastbeitrag schreibt er darüber, ob der immer mal wieder aufgeworfene Vergleich des Iran-Konflikts mit der Situation vor der Irak-Invasion 2003 legitim ist.

In Washington warnen Kongressmitglieder und Kommentatoren derzeit vor einer Wiederholung des "Irak-Drehbuchs von 2003": Die US-Regierung unterstellt dem Iran, nach Massenvernichtungswaffen zu streben, obwohl sich die Islamische Republik bislang – anders als die USA selbst – an das Atomabkommen von 2015 hält. Im Zusammenhang mit den Angriffen auf Tanker im Golf von Oman präsentiert der US-Außenminister nicht überprüfbare nachrichtendienstliche Beweise für Irans angebliche Urheberschaft. Und hinter alldem zieht mit Sicherheitsberater John Bolton einer der Köpfe des Einmarschs in den Irak die Fäden, der schon immer für einen zur Not gewaltsamen regime change im Iran plädierte.

Kann sich die Geschichte gut 16 Jahre später auf derart simple Weise wiederholen? Manche Faktoren lassen auf Läuterung hoffen. Doch ist – frei nach Marx – weder eine erneute Tragödie ausgeschlossen noch eine Farce.

Ein erster Unterschied zur damaligen Situation besteht in den Mahnungen, die nun laut werden und 2003 nicht so vernehmbar waren. Während damals weite Teile des außenpolitischen Establishments der USA von der Notwendigkeit eines militärischen Eingreifens überzeugt waren und fast die gesamte Regierung unter Führung George W. Bushs auf ein solches hinarbeitete, ist der Chor der Kritiker nun deutlich vernehmbar. Zu eindeutig sind die langfristigen Folgen der amerikanischen Besatzung des Irak (auch wenn nicht alle den Zusammenhang zwischen jenem Krieg und dem Aufstieg der Terrormiliz "Islamischer Staat" sehen wollen); zu naheliegend sind die Kosten, bemessen in Menschenleben und Steuergeld, auch für die amerikanische Bevölkerung – von der irakischen ganz zu schweigen. Während Präsident Barack Obama noch mit der Unterscheidung zwischen dem "guten" Krieg in Afghanistan und dem "schlechten" im Irak Wahlkampf machte, ist sein Nachfolger Donald Trump auch für das Versprechen gewählt worden, die US-Truppen insgesamt aus dem Nahen Osten abzuziehen. Ein Krieg mit dem Iran passt nicht zu dieser Strategie.

Der Iran hielt sich über drei Jahre lang an das Abkommen

Ein zweiter Unterschied besteht im Atomabkommen selbst beziehungsweise in der Tatsache, dass die USA diesen "Deal" verletzen, während ihn der Iran (noch) respektiert. In der Auseinandersetzung mit dem Irak bis 2003 ging es um ein mögliches Nuklearwaffenprogramm, das die Inspektoren der Internationalen Atomenergieorganisation IAEO mangels Zugriff womöglich nicht entdecken könnten. Im Falle des Iran sorgt das Atomabkommen für genau diesen Zugang, sodass die Welt – zumindest solange der Deal besteht – sicher sein kann, dass der Iran nicht an einer Bombe basteln kann oder wenigstens rechtzeitig erwischt würde. Zwischen dem Inkrafttreten des Deals im Januar 2016 und heute hat die IAEO in über einem Dutzend Berichten bestätigt, dass sich Teheran an die Auflagen hält. Genau diese Gewissheit könnten die Amerikaner mit der Wiedereinführung von Wirtschaftssanktionen und ihrer Strategie des "maximalen Drucks" beseitigen, sollte sich der Iran wie angekündigt nicht mehr an die vereinbarten Begrenzungen gebunden fühlen.

Damit einher geht der dritte wichtige Unterschied: die weltpolitische Isolation der USA. Außer Israel sowie einzelnen Verbündeten am Golf wie Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es kaum Unterstützer für den Konfrontationskurs mit dem Iran. Vor allem die Europäer sind – anders als 2003, als die USA den Kontinent in ein "altes" und ein "neues" Europa spalten konnten – geeint: Zögerlich, aber beharrlich stehen sie für das Atomabkommen ein, das Deutschland, Frankreich und Großbritannien zusammen mit China, Russland und den USA unter der Führung der EU verhandelt hatten.

Es mag ihnen schwerfallen, dem wirtschaftlichen Druck Washingtons auf europäische Unternehmen etwas entgegenzusetzen. Auch auf die Hardliner im Iran haben sie kaum Einfluss, während die Zusammenarbeit mit Moskau und Peking aufgrund unterschiedlicher Interessen ihre natürlichen Grenzen hat. Obgleich die Europäer also weder im Alleingang den Deal retten noch eine militärische Konfrontation verhindern können, kommt ihnen als eine in alle Richtungen mäßigende Kraft eine wichtige Funktion zu.