Joshua Wong war das Gesicht der Regenschirm-Bewegung, die 2014 das Zentrum Hongkongs lahmlegte. Seine Proteste hatten für ihn ein juristisches Nachspiel: Wong musste für 100 Tage wegen Verstößen gegen das Versammlungsrecht ins Gefängnis und kam erst vor wenigen Wochen wieder frei. Für das Interview wählt er einen Platz neben Hongkongs Regierungssitz. Aktivistinnen und Aktivisten haben Protestplakate an den Zaun gehängt mit Aufschriften wie "Keine Auslieferung an China" und "Demokratie jetzt!". Auch Wongs T-Shirt hat eine Aufschrift: "I stand for what I stand on."

ZEIT ONLINE: Herr Wong, Hongkong begeht an diesem Montag den 22. Jahrestag der Übergabe an China. Der Tag ist ein Feiertag in Hongkong. Ist Ihnen zum Feiern zumute?

Joshua Wong: Ein Land, zwei Systeme – dieses Prinzip wurde hier vor 22 Jahren eingeführt und es ist gescheitert. Das Versprechen, das Peking damals gegeben hatte, wurde ausgehöhlt. Inzwischen sind wir bei "Ein Land, anderthalb Systeme" angekommen. Zwei Millionen Menschen sind auf die Straße gegangen, um von Peking zu verlangen, die Unterdrückung Hongkongs zu beenden. Diesen Kampf werden wir fortsetzen und freie Wahlen einfordern.

ZEIT ONLINE: Sie sind 22 Jahre alt. Fast Ihr ganzes Leben lang war Hongkong Teil von China. Was macht Ihre Generation gerade jetzt so wütend?

Wong: Unter der Hardliner-Politik von Chinas Präsident Xi Jinping leben wir in einer sehr schwierigen Zeit. Wir sind mit Gummigeschossen und Tränengas beschossen worden. Die Polizei hat die Geschosse auf gewöhnliche Bürger abgefeuert. Vor fünf Jahren haben die Beamten noch 80 oder 90 Tränengaskartuschen gezündet. Dieses Mal waren es schon 150. Es ist schwer vorstellbar, was der nächste Schritt sein wird. Aber wir werden mit Mut und Würde weiterkämpfen.

ZEIT ONLINE: Neben den offiziellen Feierlichkeiten, die Hongkong am 1. Juli immer ausrichtet, gibt es traditionell auch einen Protestmarsch – zuletzt mit eher verhaltenem Zulauf. Was macht den Marsch dieses Jahr besonders?

Wong: Angesichts der Proteste gegen das Auslieferungsgesetz, durch das Hongkonger auf dem chinesischen Festland angeklagt werden könnten, glaube ich, dass an diesem 1. Juli Hunderttausende, wenn nicht sogar eine Million Menschen demonstrieren werden. Der Fall hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass es eine Brandmauer zwischen dem Rechtssystem Hongkongs und Chinas gibt.

"Wir verlangen, dass das Gesetz komplett zurückgenommen wird"

ZEIT ONLINE: Hongkongs Regierung hat das kontroverse Gesetz als Reaktion auf die Massenproteste aber inzwischen gestoppt.

Wong: Dass das Gesetzgebungsverfahren zeitweise suspendiert wurde, ist nicht genug. Das ermöglicht der Regierung, das Gesetz in ein oder zwei Jahren wieder zu reaktivieren. Wir verlangen deshalb, dass das Gesetz vollständig zurückgenommen wird.

ZEIT ONLINE: Sie fordern auch den Rücktritt von Regierungschefin Carrie Lam.

Wong: Es ist Zeit, dass ihre politische Karriere endet. Sie ist nicht in der Lage, Hongkong anzuführen.

ZEIT ONLINE: Aber wer immer ihr nachfolgt, dürfte wohl kaum eine komplett andere Politik verfolgen.

Wong: Ohne Zweifel, jeder Regierungschef hier in Hongkong arbeitet im Interesse der Puppenspieler des kommunistischen Regimes in Peking. Deshalb fordern wir auch freie Wahlen.

ZEIT ONLINE: Dass Hongkongs Regierungschef nicht vom Volk gewählt wird, sondern von einem vergleichsweise kleinen Wahlgremium, das mehrheitlich Peking die Treue hält, hatten Sie schon bei ihren Regenschirm-Protesten 2014 angeprangert. Geändert hat sich daran aber nichts.

Wong: Die Regenschirm-Bewegung bestand damals aus 200.000 Menschen. Als wir die Straßen räumten, haben wir versprochen: Wir werden zurückkommen. Nun sind wir zurück – nicht mit 200.000, sondern mit zwei Millionen.