Seenotrettung - Geflüchtete können "Sea-Watch 3" verlassen Nachdem das Schiff trotz eines Verbot der Regierung in Lampedusa angelegt hat, durften die Migranten von Bord gehen. Die Kapitänin Carola Rackete wurde festgenommen. © Foto: Guglielmo Mangiapane/Reuters

Die Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf haben zu Spenden für die Seenotretter der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch und ihre in Italien festgenommene Kapitänin Carola Rackete aufgerufen. In einem gut fünfminütigen auf YouTube geposteten Video zeigten sie sich erschüttert von den Geschehnissen auf der italienischen Insel Lampedusa.

"Mit den Ereignissen der letzten Tagen hat diese unmenschliche, kaltblütige und skrupellose Politik einen neuen Tiefpunkt erreicht", sagte Böhmermann. In einer gemeinsamen Erklärung heißt es weiter: "Wer Menschenleben rettet, ist kein Verbrecher." Wie die meisten könnten auch sie nicht persönlich vor Ort im Mittelmeer helfen. "Darum möchten wir spenden und gemeinsam mit euch Geld sammeln."

Bereits am frühen Sonntagmorgen waren Spenden in Höhe von mehr als 140.000 Euro eingegangen. Heufer-Umlauf bedankte sich umgehend: "Wow! Vielen Dank an alle!", schrieb er auf Twitter. Für den Fall, dass die italienischen Behörden Rackete strafrechtlich verfolgen würden, "werden wir, wie im letzten Jahr, Geld für die anfallenden Rechtskosten und Ausgaben der Lebensretter sammeln und spenden". Die Aktion soll bis Ende Juli laufen.

Das Rettungsschiff der Hilfsorganisation Sea-Watch hatte am Mittwoch trotz eines Verbots der Regierung Italiens Kurs auf die italienischen Hoheitsgewässer genommen und Lampedusa angesteuert. Am Freitag sagte Rackete in einem von der Hilfsorganisation veröffentlichten Video, sie habe lange auf eine Lösung gewartet. Eine solche habe sich jedoch nicht abgezeichnet, weshalb sie wegen der unzumutbaren Zustände an Bord entschieden habe, in den Hafen einzulaufen. Nach dem Anlegen am Freitagabend wurde Rackete festgenommen und das Schiff beschlagnahmt.

Das Rettungsschiff hatte am 12. Juni insgesamt 53 Menschen vor der Küste Libyens von einem Schlauchboot gerettet. 13 von ihnen, darunter Frauen, Kranke und Kinder, waren bereits in den vergangenen Tagen an Land gebracht worden. Die 40 verbliebenen Geretteten konnten das Schiff erst im Hafen von Lampedusa verlassen. Sie wurden in das Aufnahmelager der Insel gebracht. Die Sea-Watch 3 fährt unter niederländischer Flagge.

Salvini beschimpft Seenotretter als "Kriminelle"

Laut der italienischen Zeitung La Repubblica hatte ein Boot der Küstenwache zuvor vergeblich versucht, die Sea-Watch 3 am Einlaufen zu hindern, indem es mehrfach zwischen dem Flüchtlingsrettungsschiff und dem Kai kreuzte. Auf Anweisung der Polizei musste das Schiff etwa eine Seemeile vor dem Hafen stoppen. "Wir haben uns in den Weg gestellt (…), aber wenn wir dortgeblieben wären, hätte es (die "Sea-Watch 3") das Schnellboot zerstört", sagte ein Polizist.

Rackete soll sich laut Medienberichten bereits bei den Behörden entschuldigt haben. "Meine Absicht war, meine Mission zu erfüllen, natürlich nicht, euch zu rammen", sagte sie laut der italienischen Nachrichtenagentur Adnkronos. Italiens Innenminister Salvini nahm die Aktion indes zum Anlass für neue Angriffe auf die Flüchtlingsretter, bei denen es sich um "Kriminelle" handele. "Sie haben die Maske abgelegt: Das sind Verbrecher", sagte Salvini und warf Seenotrettern vor, den Tod der italienischen Ordnungskräfte riskiert zu haben. "Es ist schön, dass sie sagen, wir retten Leben, dabei haben sie fast Menschen getötet, die ihre Arbeit gemacht haben."

Bereits am Freitagabend hatte Salvini auf Twitter geschrieben: "Mission erfüllt. Verbrecherische Kapitänin festgenommen, Piratenschiff beschlagnahmt, Höchststrafe für die ausländische Nichtregierungsorganisation." Italiens Regierungschef Giuseppe Conte teilte am Rande des G20-Gipfels in Osaka mit, "die Gesetze existieren, ob wir wollen oder nicht".

Gegen die Kapitänin wird wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung und Verletzung des Seerechts ermittelt. Die Staatsanwaltschaft in Agrigent wirft ihr der Nachrichtenagentur Ansa zufolge auch Widerstand gegen die Staatsgewalt vor. Das könnte mit mehreren Jahren Haft bestraft werden. Für die 31-Jährige sei Hausarrest angeordnet worden, berichtete Ansa.

Habeck kritisiert "Sprechverdrehung orwellschen Ausmaßes"

In der deutschen Politik stießen Salvinis Äußerungen zum Teil auf Kritik. Grünen-Chef Robert Habeck sprach mit Blick auf Salvinis Vorwurf der Unterstützung von Menschenhändlern und Piraterie gegen Rackete von einer "Sprachverdrehung orwellschen Ausmaßes". "Der eigentliche Skandal ist das Ertrinken im Mittelmeer, sind die fehlenden legalen Fluchtwege und ein fehlender Verteilmechanismus in Europa", sagte Habeck dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Die Europaabgeordnete der Linken, Özlem Demirel, erklärte: "Carola Rackete gehört nicht hinter Gitter, sondern verdient einen Orden für ihre Courage und Menschlichkeit."

Auch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hat die Festnahme der Kapitänin kritisiert. "Menschenleben zu retten ist eine humanitäre Verpflichtung", schrieb Maas auf Twitter. "Seenotrettung darf nicht kriminalisiert werden." Es sei nun an der italienischen Justiz, die Vorwürfe gegen die Kapitänin des deutschen Rettungsschiffs Sea-Watch 3 schnell zu klären.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) verurteilte die Festnahme Racketes. Es mache ihn "traurig und zornig", sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. "Eine junge Frau wird in einem europäischen Land verhaftet, weil sie Menschenleben gerettet hat und die geretteten Menschen sicher an Land bringen will. Eine Schande für Europa."

12.000 Ertrunkene in fünf Jahren

Mehrere EU-Staaten, darunter Deutschland, hatten sich bereit erklärt, Schutzsuchende aufzunehmen. Dennoch erteilte die italienische Regierung keine Genehmigung zum Anlegen. Italiens rechtspopulistischer Innenminister Matteo Salvini sagte, er warte auf "gesicherte Garantien".

Die EU-Länder streiten seit Jahren über einen Mechanismus zur Verteilung der Bootsflüchtlinge. Italiens Regierung verfolgt eine restriktive Flüchtlingspolitik und hat die italienischen Häfen für internationale Rettungsschiffe geschlossen. Seit 2014 sind mehr als 12.000 Menschen bei dem Versuch gestorben, von Libyen über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR spricht von "der tödlichsten Meeresüberquerung der Welt". Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) ertranken von 2014 bis 2018 im Mittelmeer mindestens 678 Kinder. Und das sind nur diejenigen, deren Tod bekannt wurde, weil Überlebende und Zeugen davon berichten konnten. Tatsächlich müssen viel mehr Kinder umgekommen sein, sagen die Fachleute.