Der Mann, den die britische Presse zum coolsten Politiker des Landes ernannt hat, kommt mit energischen Schritten daher. Magid Magid, 29 Jahre alt, trägt einen Kapuzenpulli und eine Baseballmütze. Bei der Begrüßung erscheint auf seinem Gesicht jenes breite Grinsen, das man von unzähligen Fotos kennt. Im Café, das unweit des Bahnhofs von Sheffield liegt, setzt er sich zwar, wird aber nichts trinken, auch kein Wasser. Es ist Ramadan, Magid fastet.

Am Himmel sind dunkle Wolken aufgezogen, Nieselregen hat eingesetzt. Ein solch nasser Tag sei es auch gewesen, als Magid 1994 als fünfjähriger Flüchtling aus Somalia in Nordengland ankam, erzählt er. "Ich merkte schnell, dass Regen für diesen Teil der Erde die Standardeinstellung ist", sagt er. Seine Familie begann, sich in Sheffield ein neues Leben aufzubauen, zu Beginn sprachen sie kaum ein Wort Englisch.

24 Jahre später, im Mai 2018, stand Magid im Rathaussaal, gekleidet in eine prunkvolle, schwarz-goldene Robe, und wurde unter lautem Beifall als Bürgermeister von Sheffield vereidigt. Er war der jüngste Lord Mayor in der Geschichte der Stadt und der erste schwarze Muslim, der dieses Amt bekleidete. Ein Jahr später folgt der nächste Karrieresprung: Magid tritt für die Grüne Partei als Kandidat fürs Europaparlament an – und gewinnt. Auch dies war eine Premiere: Noch nie zuvor hatte die Region Yorkshire and the Humber einen Grünen Abgeordneten nach Brüssel geschickt.

Trump bekam Sheffield-Verbot

Magid Magid inspiriert. Das liegt nicht nur an seiner Geschichte als Flüchtlingskind, das dank seiner Entschlossenheit und Hartnäckigkeit ganz groß rausgekommen ist. Es hat auch mit seinem eigenwilligen Stil zu tun. Magid mag es grell und extravagant. "Ich bin jemand, der gern mit Normen bricht", sagt er, "aber immer mit guter Absicht!" Beispiele dafür gibt es zuhauf.

Etwa sein offizielles Porträt als Lord Mayor. Dafür posierte er in kauernder Stellung auf der Balustrade im ehrwürdigen Rathaus, ohne traditionelle Kleidung, stattdessen hat er die zeremonielle Goldkette über ein smartes weißes Sakko drapiert. Oder die Art und Weise, wie er seine tiefe Antipathie gegen den US-Präsidenten zum Ausdruck brachte. Als Donald Trump im vergangenen Sommer Großbritannien besuchte, belegte ihn Magid per Twitter mit einem Verbot, die Stadt Sheffield zu betreten – freilich hatte er gar nicht die Befugnis dazu. Er deklarierte den 13. Juli, den Besuchstag des US-Präsidenten, zum Mexiko-Solidaritätstag; die Ratssitzung leitete er im Sombrero. Aufsehen erregte er auch einige Monate später, als er zum hundertjährigen Jubiläum des Endes des Ersten Weltkriegs keine rote Mohnblume als Anstecker trug, wie es für britische Politiker üblich ist, sondern eine weiße: Symbol des Pazifismus. Für das britische Establishment, dem das Anstecken einer Red Poppy im November als patriotische Pflicht gilt, war das schlichtweg Blasphemie. 

"Magic Magid the Submission Magician"

Mit solchen Aktionen erntet er sowohl begeisterten Zuspruch als auch Ablehnung. "Ich sage immer meine Meinung, und das hat viele Leute frustriert", sagt Magid. "Ich verstehe das vollkommen. Im Gegensatz zu meinen Vorgängern will ich es nicht allen recht machen. Denn sonst werde ich nichts erreichen. Und so haben alle eine klare Meinung von mir – sie lieben mich, oder sie hassen mich." Das passe ihm ganz gut, denn Apathie sei das Schlimmste, was es gibt.

Magid ist das Gegenteil von apathisch, stets drängt es ihn, Neues auszuprobieren. Einmal, als er noch ein Teenager war, habe er sich in den Kopf gesetzt, die Seven Summits zu erklimmen, den jeweils höchsten Berg auf jedem der sieben Kontinente. "Ich sparte sechs Monate lang Geld zusammen, um in den Schweizer Alpen einen Bergsteigerkurs zu absolvieren." Bald habe er jedoch gemerkt, dass dieses Hobby zu teuer war. An der Universität Hull, wo er Aquatische Zoologie studierte, gründete er einen Mixed-Martial-Arts-Club. Seine Spezialität war Brasilianisches Ju-Jutsu, und sein Kampfname lautete "Magic Magid the Submission Magician".