Ein Donnerstagmorgen im Whittington Hospital. Im dritten Stock des Londoner Krankenhauses sitzen Patienten in der Wartehalle, sie scrollen lustlos auf ihren Handys herum oder lesen Zeitung, andere schauen aus dem Fenster – durch die großen Glasscheiben hat man einen fantastischen Blick auf die Stadt.

Jacky Davis führt durch die engen Gänge zu ihrem Büro, einem kleinen Raum in der Röntgenabteilung. Die Ärztin ist eine Veteranin des National Health Service (NHS). Ihre Qualifikation als Radiologin erhielt sie 1972. Seither hat sie an mehreren Londoner Krankenhäusern gearbeitet, eine Zeit lang leitete sie die Gesundheitsstation in einer Township in Südafrika, und seit vielen Jahren ist sie am Whittington. Auf die Frage, was derzeit mit dem NHS geschieht, schaut sie entmutigt – wo soll man beginnen? "Wir erleben derzeit den perfekten Sturm", sagt sie. "Wir kämpfen mit Sparmaßnahmen, schleichender Privatisierung und einem akuten Mangel an Fachkräften."

Über den NHS wurde kürzlich wieder heiß debattiert, als Donald Trump auf Staatsbesuch ins Königreich kam. Vor allem eine Aussage des US-Präsidenten brachte ihm Ärger ein: Er behauptete, dass bei einem künftigen Freihandelsvertrag zwischen Großbritannien und den USA "alles auf dem Tisch" sei, auch der Gesundheitsdienst. Bezeichnenderweise machte Trump am nächsten Tag einen Rückzieher. "Jemand muss den Präsidenten wohl nach der Pressekonferenz gewarnt haben, dass die Androhung, den NHS zu zerschlagen, mitunter der einfachste Weg ist, die Briten in Rage zu bringen", sagt Davis. Aber auch ohne Trump kommt das britische Gesundheitssystem kaum je aus den Schlagzeilen – der NHS ist in der Dauerkrise.

Fast so beliebt wie die Feuerwehr

Im Land, das seit vierzig Jahren für Privatisierungswut und Sozialabbau bekannt ist, stellt der Gesundheitsdienst ein Unikum dar: ein sozialdemokratisches Überbleibsel, das sich bislang erfolgreich gegen seine Abschaffung gewehrt hat. 1948 gegründet, als der Kollektivismus der Kriegsjahre den Briten noch in guter Erinnerung war, ist der NHS fast vollständig steuerfinanziert. Das Prinzip lautet, dass jeder, der medizinische Versorgung benötigt, zum Zeitpunkt des Bedarfs kostenlos behandelt wird. Das erforderliche Geld – im jüngsten Finanzjahr betrug das Gesundheitsbudget rund 125 Milliarden Pfund – nimmt der Staat über die Steuerbeiträge der Bürger ein.

Dieses System funktioniert seit Jahrzehnten recht gut. In einer Studie zu den Gesundheitssystemen in elf westlichen Ländern, die der US-amerikanische Commonwealth Fund vor zwei Jahren verfasste, kam der NHS an erster Stelle. Auch hängen die Briten leidenschaftlich an ihrem Gesundheitsdienst: Der NHS ist laut einer neueren Umfrage die zweitbeliebteste Institution im Land – knapp hinter der Feuerwehr, und noch vor der Armee. Wenn die Engländer eine Religion hätten, dann sei es der NHS, sagte Margaret Thatchers Schatzkanzler Nigel Lawson einmal. Freilich sprach er mit tiefer Verachtung, denn für marktversessene Tories war dies nichts als Götzenanbetung. Bereits in den Achtzigerjahren arbeiteten konservative Politiker und Denkfabriken Pläne aus, wie der staatliche Gesundheitsdienst aufgebrochen und verstärkt in private Hände übergeben werden könne.

Den NHS geradeheraus zu privatisieren, kommt angesichts der öffentlichen Zustimmung zum staatlichen System nicht infrage – aber das hat die Regierung, sowohl Tory- als auch Labour-, nicht davon abgehalten, verstärkt den Privatsektor in die Gesundheitsversorgung einzubeziehen. Schon seit Beginn der Nullerjahre gibt es private Einrichtungen, die für den NHS Dienstleistungen übernehmen, etwa routinemäßige Augen- oder Knieoperationen.

Dem NHS bleiben nur Patienten, die viel kosten

Eine Zäsur war das Gesundheitsgesetz von 2012. Diese umfassende Reorganisation schrieb unter anderem vor, dass die Institutionen, die für die Gesundheitsversorgung in einer bestimmten Region verantwortlich sind, sogenannte Clinical Commissioning Groups, ihre Dienstleistungen auch für private Anbieter öffnen müssen. Das heißt, bei der Auftragsvergabe dürfen Gesundheitskonzerne Offerten machen – und wer das beste Angebot macht, gewinnt den Auftrag.

In der Folge übernahmen Privatfirmen einen immer größeren Teil der Gesundheitsversorgung: Diagnosezentren, Impfprogramme, Kliniken für Geschlechtskrankheiten, Dermatologie- oder Ultraschallabteilungen. Virgin Care zum Beispiel, das Unternehmen von Richard Branson, gewann in den fünf Jahren nach Einführung des Gesetzes Aufträge im Wert von zwei Milliarden Pfund.

Wo liegt das Problem? Zunächst einmal schafft der Gesundheitsmarkt zusätzliche Kosten: für die Ausarbeitung von Verträgen, für Werbekampagnen, Rechnungsprüfung und so weiter. Das Centre for Public Interest schätzte bereits 2014, dass diese Transaktionskosten rund 4,5 Milliarden Pfund pro Jahr betragen. Zudem übernehmen die Privatkonzerne nur jene Dienste, die profitabel sind – alles andere ginge ihrem Daseinszweck zuwider. "Sie haben beispielsweise kein Interesse, eine Notfallstation zu leiten, denn das gibt kaum Geld", sagt Jacky Davis. "So verliert der NHS dauernd Geld, weil ihm die 'schwierigen' Patienten bleiben."