Ein Musikfestival für Elektrofans an der französischen Loire am vergangenen Wochenende. Die jungen Besucherinnen und Besucher tanzten bis in den Morgen – dann kamen die Polizisten. Sie forderten die jungen Männer und Frauen in Nantes auf, die Musik auszustellen, die landesweite fête de la musique sei zu Ende. Doch die Festivalbesucher wollten weiter feiern. Sie drehten kurze Zeit später wieder die Bässe auf. Es sollen auch Bierflaschen gegen Beamte geflogen sein. Und die französische Polizei eskalierte. Die Einsatzkräfte sprühten Tränengas, sogar eine Nebelgranate wurde geworfen – am Ende ließen die Beamtinnen und Beamten Hunde auf die Tanzenden los. So berichten es französische Medien.

In Panik fielen demnach viele von ihnen das sieben Meter tiefe Ufer in die Loire hinunter, 14 Menschen wurden von der Feuerwehr aus dem längsten Fluss Frankreichs gezogen. Aber der 24-jährige Steve Caniço wird weiter vermisst, obwohl seit Samstag mit Hunden, Tauchern und Drohnen nach ihm gesucht wird. Eine Freundin des Jugendbetreuers erzählt im Radio, dass er nicht schwimmen könne. In Nantes läuft noch immer eine Suchaktion.

Inzwischen hat Frankreichs Innenminister Christoph Castaner die IPGN, die Kontrollbehörde der französischen Polizei, angewiesen, den Vorfall zu untersuchen. Aber der unerbittliche Polizeieinsatz ist kein Einzelfall. Die französische Polizei gilt als besonders gewaltbereit, ihr Waffenarsenal ist weitaus größer als das der deutschen Beamten. Diese können beispielsweise Wasserwerfer und Tränengas nutzen, französische hingegen noch zusätzlich sechs verschiedene Handgranaten werfen und vor allem die besonders umstrittenen Flashballs einsetzen: Diese Gummigeschosse haben schon Dutzenden Menschen das Gesicht entstellt.

Gegen die Härte der Polizei gab es in Frankreich schon häufiger Proteste. Monatelang gingen Menschen vor allem in den Pariser Vorstädten auf die Straße, um gegen die harschen und handgreiflichen Kontrollen der Beamten zu protestieren. Auch gegen die Gelbwesten ging die Polizei mit Gewalt vor. Das alles brachte den französischen Sicherheitskräften sogar internationale Kritik ein. Mit dem Geschehen in Nantes kommt die Debatte nicht zur Ruhe.

Gewalt macht auch vor Journalisten nicht Halt

Die Menschenrechtschefin der UN, Michelle Bachelet, scheute nicht davor zurück, Frankreich mit Unrechtstaaten wie dem Sudan zu vergleichen. "Ich bin besorgt über die Repression von Demonstrierenden in Venezuela, Frankreich und im Sudan", sagte sie Anfang März. Auch der Verein Reporter ohne Grenzen prangerte an, wie Journalistinnen und Journalisten von der Polizei trotz sichtbarer Presseweste eingekesselt, verletzt und deren Kamera oder Mikrofone mutwillig zerstört worden seien. Mit Folgen für die Pressefreiheit: Einige Fotografen hätten nicht mehr gewagt, auf Demonstrationen Bilder zu schießen. Auch deshalb liegt Frankreich nur auf Platz 32 im Ranking der Pressefreiheit – Deutschland ist auf Platz 13. Die Statistik wird jedes Jahr von Reporter ohne Grenzen erstellt.

Während aber Medien zunehmend über Übergriffe der Beamten berichten, weigern sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und auch sein Innenminister, das Wort "Polizeigewalt" überhaupt in den Mund zu nehmen. "Polizeigewalt ist eine unwürdige Vokabel für einen Rechtsstaat", sagte Macron kürzlich in einer Debatte – so, als sei die Formulierung das Problem und nicht die Handlung. Politiker und Politikerinnen hüten sich generell davor, die Polizei öffentlich zu kritisieren. Dahinter steckt die Sorge, Kritik an den Sicherheitskräften könnte als Kritik am Staat selbst interpretiert werden.

Le Pen verteidigt die Polizei

Vor allem die rechtsextreme Marine Le Pen stellt sich jederzeit öffentlich vor die Polizei: Ihre Partei steht für Recht und Ordnung. Die Polizei bedingungslos in Schutz zu nehmen, kommt bei ihren Wählerinnen und Wählern und auch bei den mehrheitlich konservativen Französinnen und Franzosen noch immer gut an.

Dabei war die Polizeigewalt noch nie so öffentlich wie bei den Protesten der Gelbwesten, die ursprünglich mal für ein besseres Leben von ärmeren und unbeachteten Menschen auf die Straße gingen. In Endlosschleifen waren nicht nur auf Facebook und YouTube, sondern auch in den Hauptnachrichten Polizisten zu sehen, die Demonstrierende niederknüppelten, mit Wasserwerfern auf die Menge zielten oder mit Gummigeschossen Menschen zu Boden streckten. Auf der anderen Seite wurden auch die Gelbwesten gewalttätig, der berüchtigte schwarze Block warf Steine auf Polizisten und zündete Barrikaden an. Diese Täter und Täterinnen wurden allerdings in den allermeisten Fällen direkt verurteilt. Die angegriffenen Beamte, mit Helm, Stiefeln und Schutzweste ausgestattet, erlitten in den allermeisten Fällen leichte Verletzungen. Die Demonstrierenden hingegen – manchmal traf es auch Passanten – wurden oft schwerer verletzt. Manche von ihnen sogar für den Rest ihres Lebens.