Update von 16:22 am 11. Juni 2019: Kurz nach Veröffentlichung dieser Analyse teilte das russische Innenministerium mit, dass die Anschuldigungen gegen Golunow fallengelassen werden. Seine Schuld sei nicht nachzuweisen, er komme noch am Dienstag aus dem Hausarrest frei.

Irgendetwas läuft dieser Tage in Russland anders als sonst. Ein Journalist, der sich auf Recherchen über Korruption in der russischen Hauptstadt spezialisiert hat, wird unter fadenscheinigen Vorwürfen von der Polizei festgenommen. Soweit so gewöhnlich. Doch dann beginnt etwas, was es in dieser Form in der Ära von Präsident Wladimir Putin noch nie gegeben hat. Eine Lawine der Solidarität hat das Land erfasst.

Hunderte Journalistinnen und Oppositionelle gehen auf die Straße. Redaktionen von Hochglanzmagazinen, Sportzeitungen und Lokalblättern unterzeichnen gemeinsame Aufrufe. Am Montag erscheinen die drei wichtigsten konkurrierenden Wirtschaftsblätter des Landes mit der gleichen Titelseite, auf der der Name des betroffenen Kollegen prangt. Professoren, Schauspieler und gar eine Pizzakette bekunden Solidarität. Und selbst die notorischen Propagandistinnen des Kreml nutzen ihre Sendezeit plötzlich, um den Kollegen zu unterstützen. Dazu gehören die Moderatorin Olga Skabejewa, die einst Hajo Seppelt wegen seiner Recherchen zum Staatsdoping der Russlandfeindlichkeit bezichtigte, und Margarita Simonjan, die Chefin des berüchtigten Auslandssenders Russia Today.

Tatsächlich markiert der Fall des Journalisten Iwan Golunow vom russischen Exilmedium Meduza einen historischen Moment. Selten zuvor haben die Sicherheitsbehörden einen kritischen Reporter so dreist mit offenbar untergeschobenen Drogen versucht zum Schweigen zu bringen. Und selten war die Gegenwehr der Gesellschaft so groß. Dass der Investigativjournalist ein Drogenhändler sein soll, wie es die Polizei der Öffentlichkeit weismachen will, glaubt in Russland derzeit kaum jemand.

Recherchen über Korruption im Bestattermilieu

Zu unglaubwürdig waren die bisherigen Beweise der Polizei, die erst fünf Päckchen weißes Pulver in Golunows Rucksack gefunden haben wollte, dann nur noch zwei, während die anderen angeblich bei der Hausdurchsuchung dazugekommen seien. Dann veröffentlichten die Behörden angebliche Fotos aus Golunows Wohnung und mussten sie später zurückziehen. Am Ende wurde Golunow vom Gericht vorerst unter Hausarrest gestellt. Für die russische Justiz eine ungewöhnlich milde Sanktion angesichts der Vorwürfe. Dem 36-Jährigen drohen laut Gesetz zwischen zehn und 20 Jahren hinter Gittern. Draußen vor dem Gericht brach Jubel aus, als die Menschenmenge die Entscheidung hörte. Und drinnen brach Golunow vor Kameras in Tränen aus.

Für die Zivilgesellschaft war das ein wichtiger Etappensieg. Der jedoch davon begünstigt wurde, dass die politische Führung des Landes offenbar nicht in die Aktion involviert war. Dafür sprechen etwa die uneinheitliche Reaktion der staatlichen Medien und die bröckelige Beweislage. Schon am Sonntag hieß es, es seien keine Drogen in Golunows Blut gefunden worden. Am Montag kam dann die Meldung, dass die fraglichen Drogenpäckchen die Spuren der DNA mehrerer Personen aufweisen. Der Journalist selbst sagte vor Gericht, er vermute hinter der Polizeiaktion dubiose Geschäftsleute aus dem Moskauer Bestattungsbusiness. In diesem Milieu hatte Golunow zuletzt recherchiert; laut russischen Medienberichten verdienen hochrangige Geheimdienstler illegal am Geschäft mit den Beerdigungen mit. Per Pressesprecher ließ Putin mitteilen, er beobachte den Fall Golunow ganz genau.

Wut auf korrupte Beamte

Kein Wunder, denn dieser Fall offenbart gleich mehrere Probleme für den Kreml. Da wäre etwa das nun offenkundig gewordene Protestpotenzial in der Gesellschaft. "Golunow war ein Anlass. Wenn es ihn nicht gegeben hätte, dann wäre die Wut der Menschen wegen etwas anderem explodiert", sagte der Moskauer Politikberater Abbas Gallyamow ZEIT ONLINE. Die Sicherheitsbehörden seien zum Symbol für das Regime geworden und riefen bei der Zivilgesellschaft den größten Ärger hervor.

Gleichzeitig scheint dem Kreml bewusst zu sein, dass die Anklage gegen Golunow fingiert ist. "Die Machthaber haben nicht erwartet, dass der Protest so stark wird. Um Druck auf die Unzufriedenen auszuüben, müssen die Verantwortlichen davon überzeugt sein, Recht zu haben. Statt dieser Überzeugung herrscht im Kreml Wut auf korrupte Beamte im Sicherheitsapparat, die wegen ihrer Partikularinteressen das ganze Regime vor Probleme stellen", sagt Gallyamow.