Der Fall Golunow zeigt so auch, wie kleinere Rädchen in Putins System Machtinstrumente kapern, um ihre eigenen illegalen Geldströme zu verteidigen. Polizeibeamte, die zu allem bereit sind, Ermittlungsbehörden und Richter, die bestellte Beweise und Urteile liefern, waren eigentlich dazu da, Putins Macht zu zementieren und seine Gegner auszuschalten. Doch nun ist dieser sogenannte russische deep state – die Infrastruktur des Regimes – zum Destabilisierungsfaktor geworden, schrieb etwa der Moskauer Politologe Gleb Kuznetsow auf Facebook.  

Golunow ist nämlich kein Regimekritiker im eigentlichen Sinne. Er recherchierte und schrieb nicht über Putins angebliche Schätze. In seinen Recherchen ging es vielmehr um Korruption in der Stadtverwaltung, um die mittlere Führungsebene vom Geheimdienst und Innenministerium, die an dieser Korruption mitverdienten. Diese Leute wollten allem Anschein nach Golunows Recherchen behindern und haben nun eine politische Krise riskiert. Auch weil sie die Folgen nicht absehen konnten. Früher hätte Putin, angesichts verhältnismäßigen Wohlstands im Land und hoher Beliebtheitswerte, über solchen Ärger hinweggesehen. Nun ist es um die Popularität des Präsidenten nicht mehr so gut bestellt und der Kreml sieht sich gezwungen, sich in der einen oder anderen Form schützend vor Golunow zu werfen, um keine weiteren Proteste zu provozieren.

Putin mischt sich ein

Damit erinnert der Fall an andere Proteste der vergangenen Wochen. Zum Beispiel in Jekaterinburg am Ural, wo ein Oligarch mitten im Stadtzentrum eine neue Kathedrale errichten und gleichzeitig ein wenig Land für Luxuswohnungen und Büroflächen abzwacken wollte. Proteste wurden anfangs von dubiosen Schlägertrupps angegriffen, die Polizei rückte aus. Am Ende regte Putin eine Umfrage an, die ergab, dass der Neubau unerwünscht ist. Die Pläne werden derzeit nicht weiter verfolgt.

Ähnlich sah die Situation im Gebiet Archangelsk aus, wo derzeit unter heftigen Protesten eine Müllhalde für Abfälle aus Moskau entsteht. Auch hier wurde die Polizei gegen die Demonstrantinnen zur Hilfe gerufen, während sich die Ermittlungsbehörden an Umweltaktivisten heranpirschten. Erst kürzlich musste Putin erklären, er werde die Situation mit regionalen Verantwortlichen besprechen. 

Zumindest im Fall Golunow scheint das Krisenmanagement von Putins Beratern vorerst zu funktionieren. "Noch kann sich der Kreml aus der Schlinge ziehen, wenn er eine eigene Untersuchung durchführt und Köpfe bis in die oberen Etagen rollen lässt", sagt Politikexperte Gallyamow. Bisher richtet sich die Empörung nicht gegen den Präsidenten.

Das kann sich jedoch schnell ändern, wenn der Meduza-Journalist weiter unter Hausarrest bleibt. Für den morgigen Mittwoch, der in Russland ein Feiertag ist, haben Aktivisten einen Protestmarsch in Moskau angekündigt – ohne eine Genehmigung der Polizei einzuholen. Sie wollen die Freilassung der Journalisten fordern. Dass viele Tausend Moskauerinnen und Moskauer kommen werden, daran gibt es derzeit keinen Zweifel.