Über allem die aufgeblasene Karikatur eines Donald Trump, der auf dem Klo vor sich hin twittert, haben in London und vielen anderen britischen Städten Tausende gegen den Staatsbesuch des US-Präsidenten demonstriert. In der Hauptstadt zogen sie unter dem Getöse von Lautsprechern, Trommeln und Sprechchören vom Trafalgar Square durch die Straßen von Westminster. Umweltschützer, Sozialisten, Marxisten, Brexit-Gegner, Freunde Palästinas oder Kubas, Demonstranten gegen einen Krieg mit dem Iran, gegen den Irakkrieg, gegen die amerikanische Politik ganz allgemein – es war ein großes Sammelbecken insgesamt sehr friedlicher, höflicher Londoner Bürger.

Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan hatte bereits vor Ankunft des US-Präsidenten gewarnt, er sei mit seiner Politik, die nahezu dem Faschismus der Zwanzigerjahre gleiche, in der Stadt nicht willkommen. Trump hatte daraufhin getwittert, Kahn (falsch geschrieben) mache einen unsäglichen Job und sei ein schlechter Verlierer. Ähnliche Kritik widerholte er auf der Pressekonferenz nach den Regierungsgesprächen mit Premierministerin Theresa May: "Ich mag Leute nicht, die mich kritisieren, die negativ sind. Ich bevorzuge Leute, die was schaffen und erreichen", meinte er.

Trump versuchte, die Demonstrationen zu ignorieren, was nicht leicht war, da die Lautsprecher durch die ganze Innenstadt von London zu hören waren und das aufgeblasene "Baby Trump" rosa über dem Parliament Square schwebte – in Sichtweite der Downing Street. "Proteste? Nein – da ist nichts. Wieso? Tausende von Leuten haben gejubelt, dass wir da sind: gestern und heute", sagte Trump auf der Pressekonferenz. "Haben Sie das nicht gesehen, all die Fahnen, die US-Fahnen! Wenn es da Proteste gegeben haben soll, dann war das vielleicht eine ganz kleine Gruppe" – als ob es die Fernsehaufnahmen der Demonstrationen nicht gebe und sie anderes zeigten. Doch für Trump war alles gut: "Das ist hier alles eine unglaublich gute Stimmung, eine Allianz der Freundschaft. Nein – da gibt es vielleicht einige wenige Demonstranten – alles extra organisiert aus politischen Gründen. Nein, nein – das sind alles Fake-News."

Unwahrscheinlich also, dass Trump das hier liest. Aber wir haben uns mal angehört, was einige Demonstranten zu sagen hatten:

Kat (41 Jahre) und Kieran (27 Jahre)

"Er ist gegen alles, was nicht macho-weiß-männlich ist. Er spaltet unsere Gesellschaft." © Bettina Schulz für ZEIT ONLINE

"Donald Trump ist furchtbar. Er sät Hass und Vorurteile – er ist gegen Muslime, gegen Juden, gegen Schwarze, gegen Homosexuelle, gegen Behinderte, gegen Transsexuelle, gegen Frauen. Er ist gegen alles, was nicht macho-weiß-männlich ist. Er spaltet unsere Gesellschaft.

Meine größte Sorge ist unser Gesundheitssystem, der NHS. Sobald wir aus der EU ausgetreten sind, werden die Amerikaner versuchen, mit unserem Gesundheitssystem Geld zu verdienen. Sie wollen, dass der NHS privatisiert wird, um damit Knete zu machen. Genauso, wie sie Obamacare in Amerika kaputt gemacht haben. Trump hat nicht einmal Prinzipien. Er und seine Leute machen Politik, um abzukassieren. Es ist furchtbar.

Wir dürfen nicht zulassen, dass Trump und seine Leute hier Einfluss gewinnen, und das werden sie versuchen, wenn Großbritannien aus der EU austritt. Ich bin deshalb vehement gegen den Brexit. Ich finde es falsch, was die Sozialisten und Marxisten hier auf der Demonstration wollen – sie wollen ja auch den Brexit.

Die EU hatte sich bei den Verhandlungen mit den Amerikanern zum Freihandelsabkommen TTIP bemüht, den NHS zu schützen. Aber jetzt? Ich gehöre zu den armen Leuten. Ich kann mir keine private Gesundheitsversicherung leisten. Aber genau das wollen all diese Brexit-Vertreter, auch unsere Konservativen, die Brexit-Hardliner in der Partei."

Sam (68 Jahre)

"Es ist wichtig. Man muss was tun." © Bettina Schulz für ZEIT ONLINE

"Was für ein schlechtes Vorbild ist Donald Trump für die Welt? Er ist Präsident der Vereinigten Staaten. Damit sollte er der Welt ein Vorbild sein für Humanität und für Anstand. Dieses Amt stellt besonders hohe Anforderungen an den Charakter und Qualitäten. Aber er? Er glaubt doch selbst nicht, was er sagt. Er und seine Leute denken doch nur an Geld, wollen abkassieren. Er ist vorgeschoben, ist eine Figur, hinter der die Leute stehen, die Geld machen wollen. Ich bin 68 Jahre alt. Ich bin nicht politisch aktiv. Aber ich bin politisch emotional. Meine Frau kann heute nicht mitkommen, meine Kinder studieren. Aber ich habe mir gesagt: Ich gehe heute und vertrete meinen Standpunkt. Es ist wichtig. Man muss was tun."

Joshua (21 Jahre)

"Ich demonstriere gegen diesen brutalen Imperialismus." © Bettina Schulz für ZEIT ONLINE

"Ich bin allein hier, bin zwar Mitglied der Labour-Partei. Aber ich bin allein gekommen. Mich interessiert Politik, ich habe Politik und Internationale Beziehungen in Cambridge studiert.

Das hier ist wichtig, auch wenn es eigentlich nicht nur um Trump geht. Trump ist ja nur der jetzige Präsident der Vereinigten Staaten, aber die anderen Präsidenten waren ähnlich. Letztlich sind die USA ein gefährlicher, imperialistischer Staat. Ich demonstriere gegen diesen brutalen Imperialismus, und der wird von den Amerikanern immer schon propagiert. Amerika zerstört das, was die Nationen nach dem Krieg vereinbart hatten, unser multipolares System. Trump vertritt das nur klarer, härter, brutaler. Aber die anderen amerikanischen Präsidenten waren ähnlich, selbst Obama.

Letztlich geht es immer darum, dass Amerika die Oberhand behält, sich durchsetzt, andere Länder von sich abhängig macht. Sie sind gegen Nato. Dieser amerikanische Imperialismus ist schlicht gefährlich. Er ist nicht neu – all das hier ist eigentlich nicht neu. Aber wir müssen aufpassen, müssen uns dagegen wehren. Deshalb bin ich völlig gegen diese amerikanische Politik, gegen diesen Imperialismus."

John (77 Jahre)

"Er macht Politik, die völlig undiplomatisch ist." © Bettina Schulz für ZEIT ONLINE

"Trump ist Rassist. Er hat die israelische Regierung darin unterstützt, die Hauptstadt nach Jerusalem zu verlegen. Die USA haben ihre Botschaft jetzt in Jerusalem. Das hat alles das Ziel, die Palästinenser letztlich aus Israel und Jerusalem zu verbannen. Das ist auch eine Form von Rassismus.

Ich bin Mitglied der Palästinensischen Solidaritätsbewegung. Ich bin nicht jüdisch. Aber ich habe viele jüdische Freunde, die stark aufseiten Palästinas stehen, also der Meinung sind, dass die Israelis die Rechte der Palästinenser achten müssen. Ich bin für einen gemeinsamen Staat der Juden und Palästinenser mit gegenseitigem Respekt. Ich habe zahlreiche jüdische Freunde, die Mitglieder der Bewegung Juden für Gerechtigkeit für die Palästinenser sind.
All das honoriert Trump nicht. Er macht Politik, die völlig undiplomatisch ist.

Ich bin allerdings der Meinung, dass demonstrieren allein nicht reicht. Immer nur reden bringt nichts. Ich fahre dieses Jahr das sechste Mal in die Westbank, wo ich Palästinensern bei der Olivenernte helfe. Es ist ein Symbol. Die Oliven sind die Haupternte der Palästinenser. Da kann ich also praktisch vor Ort der Menschen helfen. Man muss sich einsetzen."

Roger (63 Jahre)

"Trump ist abscheulich" © Bettina Schulz für ZEIT ONLINE

"Trump ist abscheulich, so wie er sich verhält, alles, was er symbolisiert. Er ist rechtsextrem, rassistisch, faschistisch und propagiert eine Politik, die uns letztlich alle ärmer macht. Er hat eine furchtbar billige Art.

Ich bin überzeugter Europäer. Ich bin viel in Frankreich. Ich liebe die Europäer, die Kultur, ich brauche die Lebensfreiheit, Reisefreiheit – das soll uns alles genommen werden?

Ich bin total gegen den Brexit, denn das ist genau das, was die Rechtsextremen wollen, Trump auch. Sie wollen unseren Zusammenhalt zerstören, wollen, dass wir wieder in kleine Nationalstaaten zerfallen, dass man uns dann leichter kontrollieren kann, jeder Staat allein schwächer ist. Es ist eine Politik, die all unsere Möglichkeiten beschneidet. Es ist das, was letztlich im Faschismus endet.

Ich bin Dichter. Ich dichte keine politischen Gedichte, nein. Ich schreibe über die unterschiedlichen Kulturen, wie sich Kulturen austauschen. Ich zeige neue, andere Wege auf, die Welt zu betrachten. Ich bin gegen all die Kleingeistigkeit, bin gegen den Rassismus, dagegen, wie diese Leute die Rechte der Homosexuellen missachten. 

Aber ich denke mal, dass all diese Leute wie Trump nicht lesen, keine Fantasie haben, viel zu engstirnig sind. Aber wir müssen für unsere Freiheit eintreten."