Rory Stewart wird britischer Premierminister. Nicht jetzt. Aber später einmal. Darin sind sich seine Verehrer einig. Der relativ unbekannte britische Politiker, der im Kabinett von Theresa May als Entwicklungshilfeminister dient, ist der einzige der zehn Kandidaten für ihre Nachfolge, der das Zeug zum Staatsmann hätte. Während die anderen Bewerber politische Phrasen dreschen und dem Gusto der Konservativen Partei nach dem Mund reden, tut der 46-jährige Stewart genau das Gegenteil: Er sagt die Wahrheit.

Stewart klärt auf, wo die anderen Kandidaten Unsinn reden. "Einen No Deal, wie ihn zum Beispiel Boris Johnson androht, wird es nicht geben, weil das Parlament es gar nicht zulässt", sagt er. Die Hoffnung, bis zum 31. Oktober einen neuen Austrittsvertrag mit der EU aushandeln zu können, werde nicht in Erfüllung gehen. Die neue EU-Kommission sei im Sommer gar nicht in der Lage zu verhandeln. Wer das verspreche, kenne Brüssel nicht. Stewart liest nicht ab, spricht aus Überzeugung, gewinnt Vertrauen. "Ich verspreche keine Steuergeschenke, die wir uns nicht leisten können. Ich erzählte keine Märchen, wie ich sie abends meinen Kindern vorlese." Er sagt den Tories all das, was sie nicht hören wollen.

"Er ist mit Abstand der Beste aller Kandidaten", sagt Kenneth Clarke, ehemaliger Minister unter Margaret Thatcher, John Major und David Cameron, der "Vater" des britischen Parlaments. "Sie haben mit Abstand die beste Präsentation aller Kandidaten abgegeben", lobt ihn die BBC. "Aber wenn Boris Johnson kommt, wird all das, was Sie sagen, vergessen sein. Sie haben doch gar keine Chance." Stewart nickt. Er weiß das. Er gehört in der Tat zu den Kandidaten mit den geringsten Aussichten, es in die Endrunde zu schaffen. An der Basis ist er überaus beliebt, aber die entscheidet erst, wenn nur noch zwei Optionen übrig sind. Bis dahin haben die 313 Abgeordneten das Verfahren in der Hand: Am Donnerstag sortierten sie die ersten Kandidaten aus, die es nicht auf mindestens 17 Stimmen schafften, Stewart bekam 19 – damit ist er vorerst das Schlusslicht.

Zwischen verfeindeten Stämmen

Wer ist dieser zierliche, hagere Mann, der dort im zerknitterten blauen Anzug von der Welt redet und das Gefühl vermittelt, dass er sie wirklich kenne? Stewart ist Diplomatensohn, in Hongkong geboren, in Malaysia aufgewachsen. Er ist Schotte. Den Patriotismus hat er von seinem Vater eingeimpft bekommen, der in Vietnam in Hosen mit schottischem Tartan-Muster kämpfte. Er vertritt einen Wahlkreis an der schottisch-englischen Grenze, steht für ein Vereinigtes Königreich, hält nichts von schottischer Unabhängigkeit.

Wie alle führenden Politiker in Großbritannien besuchte er Eton, studierte Geschichte, Philosophie, Politik und Wirtschaft in Oxford, gab nebenher – und da ist er einzigartig – den Prinzen William und Harry Nachhilfeunterricht, diente kurze Zeit im schottischen Elite-Militärregiment Black Watch. So weit, so gut.

Aber dann zeigte sich, mit welcher Unnachgiebigkeit Stewart den Dingen auf den Grund geht, und dies unterscheidet ihn von anderen Politikern: Nachdem er bereits mit Mitte zwanzig für das Außenministerium (möglicherweise den Geheimdienst) in Indonesien, Ost-Timor und Montenegro tätig war, wurde er 2003 zwei Jahre lang im Irak eingesetzt, um dort in der Nachkriegszeit zwischen den verfeindeten Stämmen zu verhandeln, Wahlen zu organisieren, Entwicklungshilfeprojekte voranzutreiben. Weitere drei Jahre lebte er in Kabul, half einer Stiftung des Prince of Wales dabei, die Wasser- und Elektrizitätsversorgung wiederherzustellen, Schulen und Krankenhäuser zu öffnen, die Finanzen zu regeln. In diesen Zeiten lernte er einen Großteil der elf Sprachen, die er spricht.

Selbst die Sicherungskästen interessieren ihn

Stewart wanderte in 32 Tagen allein durch Afghanistan, so, wie er später quer durch Großbritannien an der schottischen Grenze entlanglief, schrieb über seine Erlebnisse Bücher, oft Bestseller. Wenn ihn jemand fragt, was er zu den Flüchtlingen in Libyen sagt, denkt er erst mal laut nach, wo er alles Flüchtlingslager besucht hat: Libyen, Syrien, Libanon, Irak, Türkei, Griechenland ...

Es ist ausgeschlossen, all das aufzuführen, was Stewart in seiner Tätigkeit als Mitglied im parlamentarischen Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten und als Staatssekretär im Umweltministerium, Justizministerium, Ministerium für Afrika und das Commonwealth und als Minister für Entwicklungshilfe angestoßen hat. Typisch für seine Arbeitsweise: Als er Staatssekretär im Justizministerium und damit zuständig für die fatale Situation der britischen Gefängnisse war, begleitete er einen englischen Gefängnisdirektor tagelang von morgens bis abends bei dessen Tätigkeit im Knast. Punkt für Punkt seien sie die Listen von Schwachstellen durchgegangen, die hätten reformiert werden müssen, "... bis hin zu den Sicherungskästen im Gebäude".