Auch Lebensretter müssen sich Kritik gefallen lassen. Ist es wirklich klug und richtig, dass das Rettungsschiff Sea-Watch 3 mit 42 Migrantinnen und Migranten an Bord den Hafen von Lampedusa anläuft, obwohl die italienische Regierung das ausdrücklich verboten hat?

Nein, das ist es nicht. Denn es trägt nur zur Eskalation bei. Das ist das Metier, das Italiens Lega-Chef und Innenminister Matteo Salvini beherrscht wie kein Zweiter. Nichtregierungsorganisationen wie Sea-Wach, die glauben, man müsse jetzt auf Eskalation mit Salvini setzen, verstehen nicht, dass das Thema Migration vor allem eines braucht: Deeskalation. Wer helfen will, der muss dazu beitragen, die Debatte um Migration zu entgiften. Der muss versuchen, die Spaltung bei diesem Thema in den europäischen Gesellschaften nicht weiter zu vertiefen, sondern sie zusammenführen und versöhnen.

Salvini ist nicht der Mann dafür, gewiss. Aber man muss ihm ohne Not kein Futter geben. Er liebt die Konfrontation – und er lebt gut davon. Sie treibt ihm die Wähler in Scharen zu. 34 Prozent hat seine Lega bei den Europawahlen bekommen. Das sind knapp 9,6 Millionen Wählerinnen und Wähler. Zum Vergleich: Bei den Europawahlen 2014 hatte Salvinis Partei nur knapp 1,6 Millionen Stimmen erhalten.

Jede Hilfe für in Not geratene Menschen ist richtig

Horst Seehofer sieht Lösung für "Sea-Watch 3" Deutschland sei grundsätzlich bereit, sich zu beteiligen und Flüchtlinge aufzunehmen, sagte der Bundesinnenminister. Am Wochenende sei bereits eine Lösung zu erwarten. © Foto: Sean Gallup/Getty Images

Sea-Watch ist natürlich nicht verantwortlich für diesen Wahlerfolg Salvinis. Aber so zu tun, als spiele Sea-Watch dabei gar keine Rolle, das ist im besten Fall naiv – im schlimmeren Fall ist es hinterlistig. Denn ihre Rettungsaktionen im Mittelmeer sind eben nicht nur ein "klarer Akt der Menschlichkeit", wie Sea-Watch auf der eigenen Website schreibt. Und keine Frage: Jede Hilfe für in Not geratene Menschen ist richtig. Aber die Arbeit von Sea-Watch ist eben auch ein politischer Akt mit konkreten politischen Folgen.

Die Entscheidung der Seenotretter, sich über das Anlegeverbot der italienischen Regierung hinwegzusetzen, läuft am Ende darauf hinaus, den Innenminister Salvini bloßzustellen – selbst wenn das bewusst nicht beabsichtigt sein mag. Aber Sea-Watch fährt trotz Verbots in italienische Gewässer – und es sind die italienischen Behörden, die darauf reagieren müssen. Seht her, so inhuman ist Salvinis Flüchtlingspolitik, das ist die Botschaft von Sea-Watch.

Genau die Provokation weiß Salvini zu nutzen. Wo ist Europa, fragt er. Das Europa, das Italien damit drohe, Aufseher ins Haus zu schicken, weil man 0,01 Prozent mehr Geld ausgeben würde als geplant – das aber jetzt zur Seenotrettung schweige? Salvini schmeißt die Verschuldungsdebatte in einen Topf mit der Flüchtlingsfrage, verrührt all das zu einer Abrechnung mit Brüssel. Der Mann läuft zur Höchstform als Populist auf und Italien igelt sich weiter ein.

Was für eine Vorlage für Salvini

Es ist nicht ausschließlich die Kritik an der Flüchtlingspolitik, warum die Lega so viel Zuspruch erfährt. Italien ist ein Land, das sich bis heute nicht von der Wirtschaftskrise erholt hat, fast 300.000 Italiener und Italienerinnen verlassen inzwischen jährlich ihre Heimat. Italien hat die niedrigste Geburtenrate in Europa, und aus Brüssel wird es (zu Recht) ermahnt, zu reformieren und zu sparen. All das vermengt sich inzwischen zu einer Anti-Europa-Stimmung aus Angst, Verzweiflung, Verbitterung und, ja, auch Aggression. Und mitten hinein steuert Sea-Watch ein Schiff mit 42 Migrantinnen und Migranten, die wohl kaum ahnen, in welchen politischen Konflikt sie da geraten sind. Was für eine Vorlage für Salvini.

Wie wäre es, wenn Sea-Watch das eigene Handeln und Auftreten einmal überdenkt – und vor allem die politischen Folgen solcher Protestaktionen? Die Aktivisten von Sea-Watch sind zudem nicht die Einzigen, die das Sterben im Mittelmeer unerträglich finden und dagegen etwas tun. Am Donnerstag sind in Italien 77 Flüchtlinge aus Syrien gelandet. Weitere sollen über einen humanitären Korridor folgen, der auch für Menschen geöffnet werden soll, die in den libyschen Lagern leiden.

Möglich wurde dieser Korridor durch die Zusammenarbeit der Kirchen, einzelner Gemeinden und, Achtung: der italienischen Regierung, der Salvini angehört. Es gibt also wirksame Hilfe in der Flüchtlingskrise, auch ohne Lärm. Man wünscht sich mehr davon.