Die Dschihadisten verschwinden, Assad bleibt – Seite 1

Seit vergangenem Jahr reist Akram al-Ahmad nur noch heimlich nach Idlib. Er schläft an keinem Ort zweimal und bleibt höchstens zehn Tage, dann zieht er sich wieder in die Türkei zurück. Der Journalist hat gleich zwei Feinde: das syrische Regime und die Dschihadisten von Hajat Tahrir al-Scham (HTS). Seit die Extremistengruppe, die sich aus dem früheren Al-Kaida-Ableger Al-Nusra-Front gebildet hat, weite Teile der Provinz kontrolliert, ist es für Medienvertreter wie al-Ahmad noch gefährlicher geworden.

"Einen Aktivisten zu töten, ist in Syrien sehr einfach", sagt der zweifache Vater bei einem Gespräch in Berlin. "In jedem Auto lässt sich eine Bombe verstecken." Außerdem zerstörten die Luftangriffe des Regimes und Russlands nicht nur Krankenhäuser, sondern auch journalistische Infrastruktur. "Eines unserer Medienzentren wurde schon dreimal angegriffen", sagt al-Ahmad, er selbst sei dabei zweimal verletzt worden.

Als Direktor des 2013 gegründeten Syrian Press Center bildet al-Ahmad seit Jahren junge Bürgerjournalisten aus. Mit seinen Kollegen entwickelte er außerdem einen Verhaltenskodex für syrische Journalisten, dem sich einige der einflussreichsten Oppositionsmedien verpflichteten. Ziel sei es, der Sprache des Hasses entgegenzuwirken, erklärt er. Denn damit habe das Regime Misstrauen und Wut gesät und die verschiedenen Religionen und Volksgruppen erfolgreich gegeneinander in Stellung gebracht. "Hate Speech auf allen Seiten hat entscheidend zum Aufstieg der Extremisten beigetragen", sagt al-Ahmad. Dagegen helfe nur ein professioneller Journalismus, der nah an der Gesellschaft dran ist und aufklärt statt aufhetzt.

Keine Zeit, um Rettungswagen loszuschicken

Der Spielraum für Aktivisten wie Akram al-Ahmad wird jedoch von Tag zu Tag kleiner. Seit April fliegt das syrische Regime mit Unterstützung Russlands Luftangriffe auf den Süden der Provinz Idlib. Mindestens 24 Krankenhäuser und 35 Schulen wurden nach UN-Angaben getroffen, Hunderte Hektar Ackerland in Brand gesetzt.

Die Strategie des Regimes werde immer perfider, sagt Sophie Bischoff von Adopt a Revolution, einer Initiative, die seit 2011 zivilgesellschaftliche Selbstorganisation in Syrien unterstützt. Als Projektkoordinatorin ist Bischoff in ständigem Kontakt mit ihren Partnerinnen und Partnern vor Ort: "Sie erzählen von Hubschrauberkolonnen des Regimes, die ihre Fassbomben inzwischen so kurz hintereinander abwerfen, dass zwischendurch keine Zeit bleibt, um Rettungswagen loszuschicken." Drei Projekte in Kafranbel und Tarmala mussten sie bereits aufgeben, die Verantwortlichen sind mit ihren Familien Richtung Norden geflohen. Dort fördert Adopt a Revolution noch fünf weitere Projekte, darunter Frauenzentren und Dialogprogramme.

Der Austausch zwischen den ursprünglichen Bewohnerinnen und Bewohnern der Provinz und den Geflüchteten sei wichtig für das Zusammenleben unter den katastrophalen Bedingungen, meint Bischoff. Sonst würden die Zugezogenen als Sündenböcke für den Mangel an Wohnraum und Nahrung verantwortlich gemacht. "Idlib ist durch die 1,5 Millionen Binnenflüchtlinge ein Schmelztiegel geworden", sagt die 30-Jährige. Konservative Bewohner ländlicher Gebiete treffen auf fortschrittlicher denkende Großstädter, die sich in den vergangenen Jahren für gesellschaftliche Veränderungen eingesetzt haben. Die von Adopt a Revolution unterstützten Dialogprogramme begännen damit, dass sich Syrer unterschiedlicher Herkunft gegenseitig ihre Erfahrungen mit der Revolution erzählen, so Bischoff. Was haben sie in ihren Heimatorten erlebt? Womit hatten sie Erfolg? Woran sind sie gescheitert? Und was können sie daraus lernen? Aus solchen Diskussionen soll Solidarität erwachsen – die wichtigste Grundlage für weiteres gemeinsames Handeln.

"Emigration ist unsere Wahl, wenn das Morden nicht endet"

Etwa an der Grenze zur Türkei, wo Hunderttausende in Camps, unter freiem Himmel oder mit Plastikplanen in Olivenhainen verelenden. Die Grenze ist dicht, wer versucht, sie illegal zu überqueren, riskiert, von türkischen Grenzpolizisten beschossen oder aufgegriffen und zurückgeführt zu werden. Es sei denn, man bezahlt mehrere Tausend Euro an Schmuggler, die mit Bestechungsgeldern sicherstellen, dass einzelne Grenzschützer im entscheidenden Moment wegschauen.

Gründe genug, um sich zu organisieren. Am vergangenen Freitag versammelten sich erstmals Demonstranten unter dem Motto "Die türkische Grenze durchbrechen" am Übergang Atmeh. Mehrere Hundert Syrer forderten ein Ende der Militäroffensive oder die Öffnung der Grenzen nach Europa. Die Botschaft auf ihren Plakaten ist klar – "Emigration ist unsere Wahl, wenn das Morden nicht endet" – und richtet sich vor allem an Europa.

Sollte die Welt den syrisch-russischen Luftangriffen weiterhin tatenlos zusehen, könnte sich der Protest ausweiten und die Lage an der Grenze eskalieren, befürchtet Sophie Bischoff. Da die internationale Gemeinschaft offensichtlich nicht bereit sei, die Bewohnerinnen und Bewohner Idlibs zu schützen, sollte sie diese wenigstens menschenwürdig versorgen und ihnen eine sichere Flucht aus Syrien ermöglichen, meint die Adopt-a-Revolution-Vertreterin. Die meisten Binnenflüchtlinge stammen aus Landesteilen, die im Laufe der vergangenen Jahre vom Regime zurückerobert wurden. Sie haben sich folglich schon einmal gegen ein Leben unter Assads Herrschaft entschieden. "Wer sich für Freiheit und Demokratie engagiert hat, ist in den vom Regime kontrollierten Gebieten nicht sicher", sagt Bischoff.

"Wer sich nicht daran hält, verschwindet für immer"

Demonstration am syrisch-türkischen Grenzübergang Atmeh © Khalil Ashawi/​Reuters

Auch Akram Al-Ahmad ist sich der Gefahr bewusst. Auf die Frage, was er mehr fürchte, das Regime oder HTS, antwortet der Journalist zögerlich: "Da die Dschihadisten unter uns leben, sind sie eine unmittelbare Bedrohung." Aber langfristig stelle das Assad-Regime die größere Gefahr dar. "HTS ist ein vorübergehendes Phänomen, während Assad auf Dauer bleiben wird", meint al-Ahmad. Unter dem Regime gebe es keinen Platz für unabhängigen Journalismus, so der 42-Jährige, der nach seinem Journalistikstudium in Damaskus selbst einige Zeit für die staatliche Zeitung Tishreen gearbeitet hat. "Die Geheimdienste bestimmen und kontrollieren, was geschrieben wird. Wer sich nicht daran hält, verschwindet für immer."

HTS stehe dagegen unter wachsendem Druck der Türkei und müsse sein Verhalten mäßigen, sagt der Direktor des Syrian Press Center. Demonstranten lasse HTS in jüngster Zeit gewähren, auch wenn diese sich gegen die Dschihadisten richten. Der Umgang mit der Bevölkerung sei zurückhaltender und Aktivisten hätten mehr Handlungsspielraum als früher, meint al-Ahmad. Außerdem setze sich der zivile Arm von HTS, die sogenannte "Heilsregierung", für die Freilassung ausländischer Geiseln ein. Zwei Italiener, zwei Kanadier, ein japanischer Journalist und ein Mädchen mit belgischer Mutter seien in den vergangenen Monaten freigekommen, berichtet der Journalist.

Dahinter stecke der Versuch der Türkei, das Image der Extremisten international aufzubessern, um die Provinz als Oppositionsgebiet unter türkischem Einfluss zu halten und einen weiteren Exodus von Syrern zu verhindern. Als Modell dienen die Gebiete nördlich von Aleppo und in Afrin, die die Türkei seit 2017 erobert und mit Hilfe syrischer Rebellen zu De-facto-Protektoraten ausgebaut hat – auf Kosten der lokalen kurdischen Bevölkerung.

Einige werden versuchen, nach Europa zu kommen

Das Regime verfolgt indes andere Pläne. Es werde die Provinz zurückerobern, glaubt al-Ahmad, das könne aber dauern. Idlib sei zu groß, um einfach überrollt zu werden. Außerdem erschwere die zum Teil hügelige Landschaft eine schnelle Einnahme durch Bodentruppen, so der Journalist. Das Regime werde versuchen, die Provinz zu teilen, indem es die Autobahn M4 unter seine Kontrolle bringt. Sie verbindet Aleppo im Norden mit der Küstenstadt Latakia. Den südlichen Teil werde Assad dann abriegeln und aushungern – wie zuvor die östlichen Vororte von Damaskus, befürchtet al-Ahmad. Über die Rückgabe des nördlichen Teils werde sich Damaskus langfristig mit der Türkei verständigen.

Bis dahin wird Akram al-Ahmad weiter nach Idlib fahren, um Journalisten auszubilden. Und die Partner von Adopt a Revolution sind laut Sophie Bischoff entschlossen, sich so lange wie möglich im Norden der Provinz zu engagieren. Leider habe sich der Westen aus der Projektfinanzierung zurückgezogen aus Angst, das Geld könnte bei HTS landen, sagt Bischoff. Dabei lasse sich der Geldfluss mit einem besseren Monitoring und verschiedenen Kontakten vor Ort durchaus überwachen. Auch die Bundesregierung finanziert zurzeit weder Frauenzentren noch Dialogprogramme, diese unterstützt Adopt a Revolution deshalb ausschließlich über private Spenden.

Bevor das Regime ganz Idlib kontrolliert, werden die Aktivistinnen und Aktivisten jedoch fliehen müssen. Einige werden versuchen, nach Europa zu kommen, ist sich Bischoff sicher. Und dann stehe Deutschland in der Verantwortung. "Diese Leute waren politisch aktiv, ihre Namen sind bekannt – auch weil ihre Projekte von Berlin gefördert wurden", sagt die Koordinatorin. Sie sollten deshalb sicher nach Deutschland ausreisen und hier Asyl beantragen können.