Demonstration am syrisch-türkischen Grenzübergang Atmeh © Khalil Ashawi/Reuters

Auch Akram Al-Ahmad ist sich der Gefahr bewusst. Auf die Frage, was er mehr fürchte, das Regime oder HTS, antwortet der Journalist zögerlich: "Da die Dschihadisten unter uns leben, sind sie eine unmittelbare Bedrohung." Aber langfristig stelle das Assad-Regime die größere Gefahr dar. "HTS ist ein vorübergehendes Phänomen, während Assad auf Dauer bleiben wird", meint al-Ahmad. Unter dem Regime gebe es keinen Platz für unabhängigen Journalismus, so der 42-Jährige, der nach seinem Journalistikstudium in Damaskus selbst einige Zeit für die staatliche Zeitung Tishreen gearbeitet hat. "Die Geheimdienste bestimmen und kontrollieren, was geschrieben wird. Wer sich nicht daran hält, verschwindet für immer."

HTS stehe dagegen unter wachsendem Druck der Türkei und müsse sein Verhalten mäßigen, sagt der Direktor des Syrian Press Center. Demonstranten lasse HTS in jüngster Zeit gewähren, auch wenn diese sich gegen die Dschihadisten richten. Der Umgang mit der Bevölkerung sei zurückhaltender und Aktivisten hätten mehr Handlungsspielraum als früher, meint al-Ahmad. Außerdem setze sich der zivile Arm von HTS, die sogenannte "Heilsregierung", für die Freilassung ausländischer Geiseln ein. Zwei Italiener, zwei Kanadier, ein japanischer Journalist und ein Mädchen mit belgischer Mutter seien in den vergangenen Monaten freigekommen, berichtet der Journalist.

Dahinter stecke der Versuch der Türkei, das Image der Extremisten international aufzubessern, um die Provinz als Oppositionsgebiet unter türkischem Einfluss zu halten und einen weiteren Exodus von Syrern zu verhindern. Als Modell dienen die Gebiete nördlich von Aleppo und in Afrin, die die Türkei seit 2017 erobert und mit Hilfe syrischer Rebellen zu De-facto-Protektoraten ausgebaut hat – auf Kosten der lokalen kurdischen Bevölkerung.

Einige werden versuchen, nach Europa zu kommen

Das Regime verfolgt indes andere Pläne. Es werde die Provinz zurückerobern, glaubt al-Ahmad, das könne aber dauern. Idlib sei zu groß, um einfach überrollt zu werden. Außerdem erschwere die zum Teil hügelige Landschaft eine schnelle Einnahme durch Bodentruppen, so der Journalist. Das Regime werde versuchen, die Provinz zu teilen, indem es die Autobahn M4 unter seine Kontrolle bringt. Sie verbindet Aleppo im Norden mit der Küstenstadt Latakia. Den südlichen Teil werde Assad dann abriegeln und aushungern – wie zuvor die östlichen Vororte von Damaskus, befürchtet al-Ahmad. Über die Rückgabe des nördlichen Teils werde sich Damaskus langfristig mit der Türkei verständigen.

Bis dahin wird Akram al-Ahmad weiter nach Idlib fahren, um Journalisten auszubilden. Und die Partner von Adopt a Revolution sind laut Sophie Bischoff entschlossen, sich so lange wie möglich im Norden der Provinz zu engagieren. Leider habe sich der Westen aus der Projektfinanzierung zurückgezogen aus Angst, das Geld könnte bei HTS landen, sagt Bischoff. Dabei lasse sich der Geldfluss mit einem besseren Monitoring und verschiedenen Kontakten vor Ort durchaus überwachen. Auch die Bundesregierung finanziert zurzeit weder Frauenzentren noch Dialogprogramme, diese unterstützt Adopt a Revolution deshalb ausschließlich über private Spenden.

Bevor das Regime ganz Idlib kontrolliert, werden die Aktivistinnen und Aktivisten jedoch fliehen müssen. Einige werden versuchen, nach Europa zu kommen, ist sich Bischoff sicher. Und dann stehe Deutschland in der Verantwortung. "Diese Leute waren politisch aktiv, ihre Namen sind bekannt – auch weil ihre Projekte von Berlin gefördert wurden", sagt die Koordinatorin. Sie sollten deshalb sicher nach Deutschland ausreisen und hier Asyl beantragen können.