Schweigen. Beklemmendes, befohlenes Schweigen. Nichts anderes war aus China zu vernehmen an diesem 4. Juni, an dem sich zum dreißigsten Mal das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens jährte. Schweigen, weil die Wahrheit nicht gesagt werden darf. Schweigen auch, weil viele Jüngere die Wahrheit nie erfahren haben. Im orwellschen China des Jahres 2019 wissen Abermillionen Menschen nicht, was im Herzen ihrer Hauptstadt 1989 geschehen ist.

Es waren friedfertige, disziplinierte Studierende aus allen Teilen des Landes, die damals durch Peking zogen und gegen Korruption, Inflation und mangelnde Bildungsausgaben protestierten. Liebenswerte, höfliche junge Menschen voller Idealismus und Lebenshoffnung. Natürlich waren auch Hitzköpfe unter ihnen, Schaumschläger und Schreihälse. Aber was dominierte, war der Freiheitsdrang einer jungen geistigen Elite, die für die Erneuerung ihres Landes kämpfen wollte.

Die Parteiführung aber sah in den Demonstranten nur Aufrührer und Konterrevolutionäre. "Der Sturm musste kommen", erklärte Chinas starker Mann Deng Xiaoping vor den Kommandeuren der Armee, als er ihnen den Befehl gab, den Protest niederzuschlagen. Deng war bereit, Blut zu vergießen, weil er die Herrschaft der Kommunistischen Partei und die Einheit des Landes bedroht sah. Den jüngeren Reformern um Parteichef Zhao Ziyang traute er die nötige Härte nicht zu; er verabscheute ihre Sympathien für die Demonstranten. Glücklicherweise habe sich das Unwetter jetzt entladen, sagte Deng vor den Generälen, da "noch eine große Gruppe alter Genossen am Leben" sei.

Die Studenten bewunderten Gorbatschow

Wie in Osteuropa und in der damaligen Sowjetunion war die zweite Hälfte der Achtzigerjahre auch in Asien eine Zeit des politischen Umbruchs. Die Philippinen hatten 1986 den Anfang gemacht, als in Manila die "Macht des Volkes" den Diktator Ferdinand Marcos ins amerikanische Exil jagte. Ein Jahr später kapitulierte in Seoul Militärmachthaber Chun Hoo Hwan vor der Studentenrevolte, die in Südkoreas neuer Mittelschicht breiten Rückhalt fand. In Taiwan wurde das Kriegsrecht aufgehoben, erstmals zog eine Oppositionspartei ins Parlament ein.

Bei dieser Demokratisierung, die das Gesicht Asiens veränderte, wollten Chinas Studenten dabei sein. Die Geschichtskundigen unter ihnen erinnerten sich an die "Bewegung des 4. Mai" und ihre Bedeutung für die Geschichte Chinas. Siebzig Jahre zuvor, am 4. Mai 1919, waren schon einmal Studenten in Peking auf die Straße gegangen, damals gegen den Versailler Friedensvertrag. Ihr Protest stand am Beginn einer intellektuellen und politischen Erneuerung des Landes.

Und dann war da noch Michail Gorbatschow. Als erster sowjetischer Staatschef seit dem Schisma im Weltkommunismus Anfang der Sechzigerjahre reiste er im Mai 1989 nach China. Dem Moskauer Reformer flogen die Herzen der Studenten zu. Und ihre Anführer wussten die Bühne zu nutzen, die ihnen der Staatsbesuch bot. Sie harrten auf dem Tiananmen-Platz aus und gaben der angereisten Weltpresse fleißig Interviews. Der Staatsgast konnte die Große Halle des Volkes nur durch einen Seiteneingang betreten. Der Gesichtsverlust der chinesischen Führung war komplett.

Von Anfang an hing über der Friedfertigkeit und der Heiterkeit des Protests die dunkle Wolke eines drohenden Polizei- oder Militäreinsatzes. Rund um die Hauptstadt waren etwa 100.000 Soldaten zusammengezogen worden. Aber nur wenige Pekinger Bürger wollten glauben, dass die Partei die "Armee des Volkes" wirklich auf das Volk schießen lassen würde.

Die Menschen ließen sich nicht einschüchtern

Fünf Wochen lang habe ich damals über die Ereignisse in Peking berichtet. Habe gesehen, wie am Peking-Hotel, in dem Mao früher seine Gäste empfing, über zehn Stockwerke hoch ein Transparent flatterte: "Demokratie und Freiheit sind die gemeinsamen Ideale der ganzen Menschheit." Habe die Journalisten vom Parteiorgan Volkszeitung und von der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua hinter der Parole marschieren sehen: "Zwingt uns nicht, Lügen zu verbreiten." Habe beobachtet, wie Kunststudenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens die "Göttin der Demokratie" errichteten, die jeden sofort an die New Yorker Freiheitsstatue erinnerten.

Die Menschen ließen sich nicht einschüchtern. Am Tag nachdem die Regierung das Kriegsrecht über Peking verhängt hatte, stand ich abends am Rande der Changan-Straße, der gewaltigen Ost-West-Achse im Zentrum der chinesischen Hauptstadt. Die Dämmerung brach schon herein. Ganz Peking schien auf den Beinen zu sein. Familien mit Kindern auf den Lenkstangen der Fahrräder oder mit ihren Alten auf den Ladeflächen klappriger Rikschas. "Die Luft schmeckte nach Freiheit in dieser Nacht", notierte ich damals. Nicht Furcht habe auf den Gesichtern der Menschen gelegen, "vielmehr ein selbstbewusstes Lächeln, ganz so, als hätten sie den Sieg in ihrem Kampf um mehr Demokratie schon in der Tasche".

Es kam anders. Zehn Tage später rollten die Panzer der 27. Armee über die Changan-Straße zum Tiananmen-Platz. Hunderte, vielleicht Tausende sind in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 gestorben. Ein Datum der chinesischen Geschichte, das in Schande weiterlebt. Von einem "Zwischenfall" spricht heute der Verteidigungsminister, General Wei Fenghe, von "politischen Turbulenzen", die gestoppt werden mussten. "Aufgrund der angemessenen Haltung der chinesischen Regierung hat China Wohlstand und Entwicklung genossen."

Seit dreißig Jahren lebt das Land mit dem großen Schweigen. Doch die Wahrheit lässt sich nicht auf alle Zeiten unterdrücken, irgendwann kommt sie ans Licht. Das wusste schon Chinas großer Schriftsteller Lu Xun, den auch die Kommunisten als einen intellektuellen Wegbereiter der Revolution in Ehren halten: "Lügen, die mit Tinte geschrieben werden, können niemals die Tatsachen verdecken, die mit Blut geschrieben worden sind."

Die Wahrheit verschweigen zu können, das ist ein alter Traum, aus dem noch jede Diktatur erwachen musste. Es schläft sich auch nicht gut damit.