Selten wurde eine Bürgermeisterwahl im In- und Ausland mit so viel Spannung erwartet: Am 23. Juni müssen die Istanbulerinnen und Istanbuler darüber abstimmen, wer künftig auf dem Chefsessel im Rathaus der Millionenmetropole sitzen darf. Dabei hatten sie bei den Kommunalwahlen Ende März bereits einen Oberbürgermeister für Istanbul gewählt.

Ekrem İmamoğlu von der oppositionellen Mitte-links-Partei CHP hatte mit einem winzigen Vorsprung seinen Kontrahenten Binali Yıldırım von der regierenden islamisch-nationalistischen Partei AKP besiegt. Es war eine Sensation für die Opposition. Nach 18 Tagen annullierte die nationale Wahlkommission aber aufgrund eines Einspruchs der AKP die Wahl. Obwohl sie keine Manipulation feststellte, verordnete die Behörde Neuwahlen.

Seitdem ist die Stimmung in der Türkei aufgewühlt, und für die Istanbuler ist bereits klar: Die Folgen der Neuwahl werden weit über den Bosporus hinausreichen. Denn die Türken erwarten von deren Ausgang auch die Antwort auf eine zentrale Frage: Wie viel Rückhalt hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan noch? Sollte der oppositionelle İmamoğlu gewinnen, und die Chancen stehen nicht schlecht, dann droht Erdoğans AKP, auf Dauer zu zerbrechen. Schließlich hat sie viel dafür getan, den Triumph der CHP zu verhindern.

Ein Sieg der Opposition in Istanbul hätte eine immense Bedeutung. Seit 25 Jahren wird die Politik der Metropole von religiösen Parteien dominiert. Der fromme Erdoğan, selbst aufgewachsen im Istanbuler Hafenviertel Kasımpaşa, begann in der Stadt seinen politischen Aufstieg, zwischen 1994 und 1998 war er Oberbürgermeister. Istanbul ist ausgestattet mit einem Haushaltsbudget von mehr als drei Milliarden Euro und die Finanzmetropole des Landes. Und wo viel Geld ausgegeben wird, können viele Unterstützer gewonnen werden. Außerdem hat die Stadt auch eine symbolische Bedeutung. Wer sie als Oppositioneller regiert, der kann auch das Land regieren, glauben türkische Wähler.

İmamoğlu hatte im März mit einem Vorsprung von 20.000 Stimmen gegen Yıldırım gewonnen. Von den 8,5 Millionen abgegebenen und gültigen Wählerstimmen entfielen auf beide Politiker zusammen mehr als 8,3 Millionen. İmamoğlus Sieg war knapp, aber ein Schlag gegen die AKP, vor allem aber ein Alarmsignal für den Führer der Partei: Präsident Erdoğan.

İmamoğlu, ein Politiker zum Anfassen

Kurz vor der Neuwahl am Sonntag sehen vereinzelte Umfragen den CHP-Politiker bis zu vier Prozentpunkte vor Binali Yıldırım. İmamoğlu tourt seit Wochen durch Istanbul, Bezirk für Bezirk, Stadtteil für Stadtteil. Er wirbt für sich als Politiker zum Anfassen, spricht im ruhigen Ton Passanten und Gemüseverkäuferinnen an, scheut den Kontakt auch zu AKP-Wählern nicht. Sein Wahlslogan "Herşey çok güzel olacak" (Alles wird sehr schön) ist zu einem Mantra für seine Fans geworden. Junge Frauen und Männer rufen es sich gegenseitig zu. In den Fußballstadien von Galatasaray, Beşiktaş und Fenerbahçe singen Fans: "Alles wird sehr schön."

İmamoğlu fastet und betet. Sein Name heißt übersetzt "Sohn des Imam". Ihm vertrauen auch religiöse Wähler, obwohl sich fromme Türken eigentlich von seiner säkularen CHP fernhalten; war es doch diese Partei, die Frauen mit Kopftüchern in der Vergangenheit an den Rand der Gesellschaft drängte. Im Wahlkampf ruft İmamoğlu dazu auf, gegen die Spaltung der Gesellschaft anzukämpfen. Kurden seien seine "Brüder".