"Verlieren wir die Türkei?" Die Frage hat man sich in Europa und den USA schon vor Jahren gestellt – damals noch zu früh, und zu dramatisch. Aber bald könnte es zu spät sein, danach überhaupt noch zu fragen. Denn zwischen dem Nato-Mitglied Türkei und den übrigen Staaten der Allianz herrscht derzeit ein Zustand stabiler Sprachlosigkeit. Wenn man sich noch was zu sagen hat, schreit man sich an. Da bricht etwas. Es kracht im Fundament, vor allem zwischen den USA und der Türkei.

Zwischen dem nach Truppenstärke größten und dem zweitgrößten Nato-Staat hat sich viel aufgestaut: der Streit über Syrien und die US-Unterstützung für die Kurden etwa und die Weigerung der Amerikaner, den in Pennsylvania ansässigen türkischen Prediger Fethullah Gülen auszuliefern. Doch die Hopp-oder-Top-Frage sind russische Raketen.

Die türkische Regierung will bald mit der Aufstellung von russischen S-400-Abwehrraketen beginnen. Die US-Regierung droht in diesem Fall mit dem Stopp der Lieferung von hochmodernen F-35-Kampfjets an die Türkei. Die USA fürchten, die Stationierung von S-400-Raketen samt Radarsystemen könne den Russen Einblicke in die kollektive Nato-Verteidigung gewähren und auch Daten über die F-35 liefern. Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan aber sind die S-400-Raketen sowohl Trophäen türkischer Selbstbehauptung wie ein persönlicher Triumph, der seine Freundschaft mit Präsident Putin krönt. Er will die Dinger, koste es, was es wolle.

Die USA halten die Türkei nicht mehr

Der Preis wird hoch sein. Mit den F-35 verlöre die türkische Armee ein hochmodernes Waffensystem. Türkische Waffenschmieden, die an dem Jet mitbauen sollten, büßten Know-how und Milliardenaufträge ein. Die türkische Wirtschaft würde von harten US-Sanktionen getroffen. Dazu kämen die strategischen Kosten. Falls es beim Lieferstopp bliebe, müssten sich die Türken vielleicht künftig für russische Suchoi-Kampfjäger interessieren. So verlören sie Schritt für Schritt die Fähigkeit, mit anderen Nato-Staaten zusammenzuarbeiten.

Politisch ist von der Zusammenarbeit ohnehin nicht viel übrig. Vor zwei Jahren zog die Bundeswehr ihre Truppen und Flugzeuge aus der Türkei ab, um nach Jordanien umzuziehen. Andere Nato-Armeen arbeiten ebenfalls mit arabischen Staaten zusammen. Im östlichen Mittelmeer liegt die Türkei mit allen Nachbarstaaten über Kreuz. Zäh kämpft Erdoğan gegen die Erschließung von Gasreserven südlich und östlich von Zypern, auf welche die Türkei nach internationalem Recht keinerlei Anspruch hat. Er lässt die türkische Marine auf die Gas-Explorationsschiffe los. Um die Nachbarn einzuschüchtern, veranstaltete die Türkei im März große Seemanöver. Mittlerweile haben sich Zypern, Griechenland, Israel und Ägypten zu informellen Bündnissen zusammengeschlossen, fleißig gefördert von Amerika.

Früher waren es die USA, die stets versuchten, die Türkei im Bündnis zu halten, die Europa ermahnten, Ankara ja nicht zu verprellen. Vorbei. Die Türkei hat in Washington keine Lobby mehr. Egal, ob unter Republikanern oder Demokraten, ob aus Sicht von US-Präsident Donald Trump oder von Nancy Pelosi, der Sprecherin des Repräsentantenhauses: Die Türkei gilt als widerborstiger, undankbarer Partner, der nach Moskau abdriftet.

Und anders als früher denken die Amerikaner, dass man Driftende nicht aufhalten soll. Republikaner und Demokraten im Kongress arbeiten gemeinsam an einem strategischen Schwenk der USA im Mittelmeer, weg von Ankara, hin nach Athen. In der Regierung heißt es, man wolle die Präsenz in Griechenland erheblich vergrößern. Stützpunkte auf Kreta hat man schon. Am Ende könnte der Schwenk womöglich auch bedeuten, den Luftwaffenstützpunkt Incirlik als US-Basis zu verkleinern oder dichtzumachen.

Sind die Tage für die Türkei in der Nato damit gezählt? Das Nato-Kollektiv hat kein Prozedere, um unliebsame Mitglieder rauszuwerfen. Ankara müsste schon selbst austreten. Doch das zeichnet sich nicht ab. Möglich ist, dass die Türkei zum Mitglied ohne Wert, zur strategischen Karteileiche verkümmert. Möglich aber auch, dass Erdoğan weiter in der Nato mitredet, ordentlich poltert, streitet und späht, während er das informelle Bündnis mit Russland ausbaut. Das wäre sicherlich Wladimir Putins Wunschlösung.