Die entscheidenden Sätze fallen im Leben mitunter ganz beiläufig. Manchmal ist ja sogar etwas ganz anderes gemeint, und die Bedeutung der entscheidenden Sätze erschließt sich deshalb erst später. Joe Biden also, scharf angegriffen von der kalifornischen Senatorin Kamala Harris ("Mister Vice President, ich glaube nicht, dass Sie ein Rassist sind. Aber …"), verteidigte sich beleidigt, hielt mitten im Satz inne, blickte in den Saal, und dann sprach er: "Meine Zeit ist um, tut mir leid."

Er meinte seine Redezeit, schon klar, und auf dieser Ebene war der Satz bloß ein taktischer Fehler: viel zu defensiv. Viel schlimmer ist für den 76-jährigen Präsidentschaftsbewerber Joe Biden jedoch die symbolische Überhöhung: Die Jungen sind da und verlangen explizit das Weiterreichen der Fackel – "my time is up, I'm sorry", sagt da der alte Mann.

Es steht nicht fest, natürlich noch nicht, dass dies am Ende dieses Wahlkampfes wirklich ein entscheidender Satz gewesen sein wird. Aber seit der Donnerstagnacht ist es wahrscheinlich.

Fünf Siegerinnen und Sieger hatte diese zweigeteilte erste Fernsehdebatte der amerikanischen Demokraten. Der Bürgermeister von South Bend in Indiana, Pete Buttigieg, war rhetorisch der Beste: präzise und pointiert, leidenschaftlich und doch niemals eifernd. Cory Booker war auf die warmherzige Weise staatsmännisch und ist nunmehr vorstellbar als zweiter Afroamerikaner im Weißen Haus. Julian Castro, mexikanischer Abstammung, nahm den Rivalen Beto O'Rourke auseinander, lustvoll streitend; könnte er das Gleiche nicht auch mit Donald Trump tun? Und dann waren da, noch einmal stärker als die drei starken Männer und deshalb eine Liga für sich: Elizabeth Warren und Kamala Harris.

Warren erklärte die USA zu einem durch Trump korrumpierten und nun durch und durch korrupten Land. Die großen Konzerne hätten Washington und die ganze Nation im Griff, sagte sie und legte Pläne dar, die sie wie die Professionellste, die Bestvorbereitete im Feld der 24 Bewerber und Bewerberinnen wirken ließen. 

Harris wiederum, ehemalige Generalstaatsanwältin Kaliforniens, erklärte, dass Joe Biden in den Siebzigerjahren gegen jene Busse gewesen sei, die schwarze Mädchen in die von Weißen geprägten Schulen bringen sollten – während sie selbst, Harris, damals ein kleines Mädchen in eben jenem Bus gewesen sei. Biden war hilflos gegen Harris, und für alle Menschen, die die Vorbereitung ("Ich möchte etwas zum Thema Rasse sagen.") und die Ausführung dieser Attacke erlebten, dürfte nun vorstellbar sein, dass tatsächlich eine Frau in einem Jahr Donald Trump kontern …
… und anklagen …
… und überführen …
… und besiegen kann.

Und nur darum geht es diesmal für die Demokraten, natürlich. Sie wissen ja, dass sie 2016 schlimme Fehler gemacht haben. Sie haben erstens Trump unterschätzt, haben zweitens Hillary Clinton, gleichsam einem Anspruch qua Seniorität gehorchend, zur Kandidatin gemacht, obwohl Clinton lieblos, freudlos, kraftlos antrat, haben drittens auch noch den gesamten Wahlkampf gegen Trump thematisch, strategisch und organisatorisch vermasselt, es war die reine Stümperei. Werden sich die Demokraten trauen, vier Jahre nach Clinton eine Frau zu nominieren? Und was folgt außerdem aus jenem Debakel für die Wahl von 2020?