Bei den Waiãpi gibt es Gold- und Eisenreserven zu holen. Bei den Yanomami, die großteils in einer Savanne im Norden des Amazonaswaldes leben, sollen in den vergangenen Monaten gleich Tausende neuer Goldgräber eingedrungen sein. Aus den Tiefen des schwer zugänglichen Amazonaswaldes im Nordwesten Brasiliens warnen Indianerschutzorganisationen vor Massakern an kleinen Völkern von um die 100 Angehörigen, die fernab der westlichen Zivilisation leben, und von wo kaum eine Nachricht nach außen dringt. 

Doch Warnungen und Widerstand sind offenbar zwecklos: Allein im vergangenen Monat lag die Abholzungsrate mehr als 80 Prozent über vom Vorjahresmonat, ein neuer Rekord. Je nach Berechnung verschwinden pro Minute derzeit ein bis drei Fußballfelder Amazonaswald. Die Daten stammen von staatlichen Instituten und werden nach einem anerkannten, hochmodernen Satellitenverfahren erhoben, doch Brasiliens Regierung hat sich neuerdings darauf verlegt, sie als unwahr darzustellen.

Bolsonaro selbst griff vor ein paar Tagen den Chef der zuständigen Umweltbehörde an und tadelte ihn, dass die Veröffentlichung der Messwerte "schädlich" für das Ansehen des Landes sei. Bei einer anderen Gelegenheit verspottete er ausländische Journalisten als Opfer einer "Umweltpsychose" und bekräftigte: "Der Amazonas gehört uns, nicht euch." Sein Vize, ein General der Reserve namens Hamilton Mourão, behauptete im Interview mit ZEIT ONLINE, die Zahlen über eine zunehmende Abholzung seien "gefälscht", und es lebten doch nicht mal mehr "echte Indianer" im Amazonasgebiet.

Umweltschützer in Angst und Schrecken

Die Botschaft ist klar, Bolsonaros Projekt Kettensäge läuft an mehreren Fronten. Von der Regierung aus sollen mehrere Infrastrukturpläne umgesetzt werden, beispielsweise die Instandsetzung von Dschungelstraßen, die von Holzfällern und Goldgräbern viel genutzt werden. Zudem schwächt die Regierung massiv die Behörden, die bislang für den Schutz der Menschen und der Natur im Amazonasraum einstanden. Die Mittel der Indianerschutzbehörde Funai sind radikal zusammengestrichen worden, und im Juni musste ihr Chef gehen – ein früherer Heeresgeneral, der nach seinem Rauswurf wütend erklärte, in der Clique um den Präsidenten säßen offenbar "Indianerhasser". Der neue Chef der Funai ist ein früherer Polizist mit einer Geschichte von Dienstaufsichtsbeschwerden. Er gilt als Interessenvertreter des Agrobusiness, also der größten Feinde der indigenen Völker.

Und die Entscheidungen des neuen Umweltministers, eines Bolsonaro-Vertrauten namens Ricardo Salles, lösen in den Kreisen brasilianischer Umweltschützer Angst und Schrecken aus: Salles hält die Erderhitzung für kein dringliches Problem, will zahlreiche Umweltbestimmungen "entbürokratisieren", hat vor einigen Wochen kategorisch jede Zusammenarbeit mit Umweltschutzorganisationen "zur Überprüfung" gestoppt. Er will auch die etwa eine Milliarde Euro, die von Norwegen und zu einem geringeren Teil von Deutschland für Umweltschutzprojekte im Amazonasfonds gespendet worden sind, zweckentfremden: Salles will die Mittel an Großgrundbesitzer auszahlen.

Vor Holzfällern hielt Salles vor Kurzem eine Ansprache und lobte sie: "Ihr seid die Guten!" Zunächst einmal sind das nur Sprüche. Durch sie allein ändert sich in Brasilien noch kein Gesetz. Aber die aggressiven Worte aus der Regierung haben doch ihre Wirkung. Der Amazonas ist zu großen Teilen ein gesetzloses Land, wo gerade mächtige Lokalmatadore mit Gesetzesbrüchen und Gräueltaten ungeschoren davonkommen.