Die Luftangriffe und Bodeneinsätze der afghanischen Regierungstruppen und ihrer internationalen Verbündeten fordern immer mehr zivile Opfer. Die Zahl der bei Einsätzen regierungstreuer Truppen verwundeten und getöteten Zivilisten stieg im ersten Halbjahr 2019 um etwa 30 Prozent auf fast 1.400 Opfer. Das geht aus einem Bericht der UN-Mission in Afghanistan, UNAMA, hervor. Die Entwicklung ist umso bemerkenswerter, als die Zahl der verletzten oder getöteten Zivilistinnen und Zivilisten insgesamt im gleichen Zeitraum um ein Viertel auf etwa 3.800 sank.

Dem UN-Bericht zufolge haben Regierungstruppen und Nato-Kräfte dabei in diesem Jahr mehr Zivilisten getötet als die radikalislamischen Taliban und andere Aufständische. Afghanische Truppen hätten von Januar bis Juni etwa 400 Zivilisten getötet, die internationalen Kräfte etwas mehr als 300. Im gleichen Zeitraum hätten die Taliban, die Terrormiliz "Islamischer Staat" und andere Extremisten 531 Zivilisten getötet.

Die 717 zivilen Opfer der Verbände von Regierung und Nato wurden offenbar meist bei Angriffen auf Aufständische getötet. Diese verstecken sich oft unter Zivilisten. Dagegen nahmen die Aufständischen Zivilistinnen und Zivilisten oft direkt ins Visier. Nach UN-Angaben wurden auf diese Weise 300 der 531 zivilen Opfer von Extremisten getötet. Die Taliban verüben fast täglich Angriffe auf Sicherheitskräfte.

Verglichen mit dem vergangenen Jahr ging die Zahl ziviler Todesopfer des Konflikts insgesamt um ein Viertel zurück. Die Versuche der Konfliktparteien, die zivilen Opferzahlen zu verringern, seien aber nach wie vor unzureichend, heißt es in dem Bericht weiter. Bei fast einem Drittel der Opfer handelte es sich nach UN-Angaben um Kinder: 327 Minderjährige wurden demnach im ersten Halbjahr getötet und 880 weitere verletzt.

USA zweifeln die Angaben an

Die Konfliktparteien würden wohl jede auf ihre Weise versuchen, die jüngste Entwicklung zu erklären und ihr Vorgehen zu rechtfertigen, sagte der UNAMA-Menschenrechtsbeauftragte Richard Bennett. Doch um die Lage der Zivilisten zu verbessern, müssten sie sich nicht nur an Menschenrechtsbestimmungen halten, sondern auch die Intensität der Kämpfe verringern.

Rund die Hälfte der von regierungstreuen Truppen getöteten Zivilisten starb durch Luftangriffe. Den absoluten Großteil der Opfer rechnete UNAMA den US-Luftstreitkräften zu, nur einen geringen Teil der noch im Aufbau befindlichen afghanischen Luftwaffe. Die verstärkten US-Luftangriffe gelten als Teil der US-Strategie, Taliban-Kommandeure anzugreifen und die Bedingungen für eine politische Lösung des Konflikts zu schaffen. Die USA haben laut Statistiken der US-Luftwaffe seit 2017 die Zahl der Abwürfe von Bomben und anderer Munition über Afghanistan fast verdoppelt.

Die US-Armee wies die Angaben zurück. Der Sprecher der US-Truppen in Afghanistan, Sonny Leggett, zweifelte die "Methoden und Schlussfolgerungen" der UN-Mission an. Die US-Armee sei immer darum bemüht, Unbeteiligte zu schützen, und untersuche jeden Bericht über zivile Opfer. In Afghanistan sind rund 14.000 US-Soldaten stationiert.

Seit Juli des Vorjahres sprechen US-Gesandte direkt mit Taliban-Vertretern über eine politische Beilegung des Konflikts. Laut US-Außenminister Mike Pompeo will Präsident Donald Trump, dass die Truppen noch vor der US-Präsidentenwahl im November 2020 reduziert werden.