Nach einem tödlichen Luftangriff erwägt die libysche Regierung, die umstrittenen Internierungslager für Migranten in dem Bürgerkriegsland zu schließen. Derzeit werde geprüft, die Menschen aus Sicherheitsgründen freizulassen, teilte Innenminister Fathi Baschagha mit. Es liege außerhalb der Möglichkeiten der Regierung, die Lager gegen Angriffe von Kampfflugzeugen zu schützen.

Am Dienstag hatten zwei Luftangriffe das Flüchtlingslager in Tadschura im Osten der Hauptstadt Tripolis getroffen. Eine Rakete sei auf eine leerstehende Garage abgeschossen worden, eine weitere auf eine Halle, in der sich etwa 120 Flüchtlinge aufgehalten hätten, schreibt das UN-Nothilfebüro Ocha in einem Bericht. Mindestens 53 Menschen seien nach jüngsten Erkenntnissen getötet, etwa 130 weitere verletzt worden. Das libysche Gesundheitsministerium sprach am Donnerstag von 35 Toten und etwa 65 Verletzten.

Dem UN-Nothilfebüro zufolge gibt es zudem Berichte, wonach Wärter auf Flüchtlinge geschossen hätten, die nach der ersten Explosion fliehen wollten. Nach Ocha-Angaben werden rund 3.800 Migranten in Lagern in und um die Hauptstadt Tripolis gegen ihren Willen festgehalten. Sie seien durch die aktuellen Kämpfe hohen Gefahren ausgesetzt.

Die Einheitsregierung in Tripolis machte die Luftwaffe von General Chalifa Haftar für den Angriff verantwortlich. Diese wies die Anschuldigungen zurück. Der Angriff wurde international kritisiert. In einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates konnte sich das Gremium allerdings nicht auf eine gemeinsame Position einigen.

Kritik an Zuständen in Haftlagern

Libyen ist seit dem Sturz von Machthaber Muammar al-Gaddafi zwischen rivalisierenden Mächten im Osten und Westen gespalten. Die seit Dezember 2015 amtierende Regierung von Fajis al-Sarradsch, die von der UN unterstützt wird, kontrolliert Teile Westlibyens und die Hauptstadt Tripolis. General Haftar, der lange in den USA im Exil lebte, hat vor allem den Osten des Landes unter seine Kontrolle gebracht.

Für Migrantinnen und Migranten, die versuchen, auf der sogenannten Mittelmeerroute nach Europa zu gelangen, ist Libyen ein wichtiges Transitland. Die Vereinten Nationen haben sich angesichts der Kämpfe wiederholt besorgt über das Schicksal von Flüchtlingen geäußert, die in dem Bürgerkriegsland festgehalten werden. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) nannte die Zustände in den libyschen Haftlagern "verheerend".

Das mit Migranten überfüllte Lager Tadschura ist nach Angaben von UN und Menschenrechtsorganisationen ein Internierungslager. Dort seien mehr als 600 Migranten unterschiedlicher Nationalitäten untergebracht, hieß es. Seit April wurden bei den Kämpfen um die Hauptstadt Tripolis mehr als 700 Menschen getötet und 4.400 verletzt.