Geplante Finanzhilfen für britische Landwirte nach dem Brexit sind in Wales auf deutliche Kritik gestoßen. Der südwestliche Landesteil ist sehr stark von EU-Fördermitteln abhängig. Nach Angaben von Experten kamen zuletzt rund 80 Prozent der Einkünfte von Bauern dort von der Europäischen Union.

Der britische Premierminister Boris Johnson will die Landwirte nach dem Austritt aus der EU besserstellen. "Wenn wir die EU am 31. Oktober verlassen, werden wir die historische Chance haben, neue Maßnahmen zur Unterstützung der Landwirtschaft einzuführen – und wir werden sicherstellen, dass die Bauern einen besseren Deal bekommen", sagte er anlässlich eines Treffens mit Bauern in Wales. Der Regierungschef von Wales, Mark Drakeford (Labour-Partei), kritisierte den Premierminister daraufhin per Twitter: "Keine Anerkennung, dass Lebensgrundlagen in Gefahr sind. Keine ernsthaften Antworten. Kein Plan für die Bauern von Wales."

Nach Angaben des Finanzausschusses der Walisischen Nationalversammlung erhielt Wales zuletzt rund 680 Millionen Pfund (743 Millionen Euro) pro Jahr aus dem EU-Haushalt. 274 Millionen Pfund davon fließen als Direktzahlungen an Landwirte. Daneben gibt es pro Jahr unter anderem 80 Millionen Pfund für Projekte aus Entwicklungsprogrammen für den ländlichen Raum und 295 Millionen Pfund sogenannte Strukturhilfen. Zu Letzteren zählen zum Beispiel Mittel für Projekte zur Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen.

Bereits am Tag zuvor hatte Johnson bei seinem ersten Besuch als Premier in Schottland Ablehnung erfahren: Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon hatte gesagt, dass er das Land in eine "Katastrophe" treibe. Johnson befindet sich auf einer Werbetour durch Großbritannien, um für seine Brexit-Pläne – notfalls auch ohne Abkommen – zu werben.

Johnson will unbedingt nachverhandeln

Nach einem Bericht der Zeitung Guardian will Johnson vorerst keine Gespräche mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron führen. Er sei angeblich nur dazu bereit, wenn die Europäische Union den Brexit-Vertrag nachverhandelt. Eine Regierungssprecherin wollte den Bericht nicht kommentieren. Die EU lehnt ein Aufschnüren des von Johnsons Vorgängerin Theresa May mit der EU vereinbarten Abkommens strikt ab.

Der Premierminister will Großbritannien am 31. Oktober aus der Staatengemeinschaft führen – notfalls ohne Abkommen. Ein solcher No-Deal-Brexit würde aber die Wirtschaft und andere Lebensbereiche schädigen.

Johnson und viele andere Befürworter eines EU-Austritts pochen darauf, den Backstop in dem Deal zu streichen. Diese Garantieklausel soll eine harte Grenze zwischen dem britischen Nordirland und der Republik Irland verhindern. Denn das könnte den alten Konflikt zwischen katholischen Befürwortern einer Vereinigung Irlands und protestantischen Loyalisten wieder schüren. Johnson sieht in der Klausel hingegen ein "Instrument der Einkerkerung" Großbritanniens in Zollunion und Binnenmarkt.