Wer den neuen britischen Premierminister Boris Johnson näher kennenlernen will, muss lediglich eine gut sortierte britische Buchhandlung aufsuchen und sein Werk Die 72 Jungfrauen lesen. 2004, als das Buch erschienen ist, war Johnson Chefredakteur des politischen Magazins The Spectator und Parlamentarier im Unterhaus.

Antiheld des Buchs ist ein britischer Abgeordneter, der sich morgens auf dem Fahrrad durch den Verkehr nach Westminster quält, der ebenso zerzaust wie Boris Johnson selbst ist und der in ständiger Angst lebt, dass seine außereheliche Affäre auffliegt und seine politische Karriere zerstört. Deshalb will er den amerikanischen Präsidenten vor einem Terrorangriff schützen, um seinen Fehltritt bedeutungslos zu machen.

Das Buch hat autobiographische Züge – der Buch-Johnson gleicht in vielen Dingen dem realen Johnson: 2004 leugnete Johnson seine Affäre mit der Journalistin Petronella Wyatt und ihre Abtreibung. Als die Lüge publik wurde, verlor er seinen Posten als Sprecher der Opposition für Kulturfragen.

Kein Fan politischer Grundsätze

Der Buch-Johnson versagt auch als ehrbarer Politiker. Die politische Arbeit macht seine Assistentin, feste politische Überzeugungen sind ihm fremd. Johnson beschreibt den Abgeordneten als kleines Licht in einem Meer von politischer Skrupellosigkeit. Ihm geht es nur um die eigene Karriere, das Wohl des Landes und die Bedürfnisse der Bürger spielen keine Rolle. "Mein Gott – was für eine Art konservativer Politiker ist er eigentlich? Er ist sooo enttäuschend", flucht die Assistentin im Buch. "Begreift er nicht, dass die Leute es ernst meinen? Er wird mit Steuergeldern bezahlt, er sollte den Bürgen im Parlament dienen."

Der reale Boris Johnson ist ebenfalls kein Fan politischer Grundsätze. Warb er doch zunächst für einen Verbleib in der EU, um die Briten dann mit falschen Versprechungen auf den unverantwortlichen Weg des Brexits mitzureißen. Er stimmte mal für und mal gegen den Austrittsvertrag von Theresa May. In seinem Buch mokiert er sich über Politiker, die ideologisch gefestigt sind – ganz im Gegensatz zu seinem Antihelden und dessen Fähigkeit, "aalglatt beide Seiten einer Sache zu sehen". Es ist symptomatisch, wie der Buch-Johnson seine Assistentin kurz vor einer Parlamentsrede fragt: "Auf welcher Linie argumentiere ich eigentlich...?"

Die Fähigkeit, sich an immer neue Gegebenheiten anzupassen, lernte der reale Johnson schon als Kind. In New York geboren zog der kleine – zunächst Alexander genannte – Johnson mit seinen Eltern 32-mal in 14 Jahren um. Der Vater ist Journalist und meist unterwegs, die Mutter das Herz der kinderreichen Familie. Alexander war introvertiert, vergrub sich in Bücher.

Wer Kinder immer wieder auf unterschiedliche Schulen schicken muss, weiß, wie sich diese Kinder oft abkapseln, sich ihre eigene Welt suchen. Die Welt von Johnson sind bis heute die Klassiker des alten Griechenlands und Roms. Dort fand er seine Helden, allen voran Perikles, dessen Büste jetzt Einzug in Downing Street hält. Er ist der Held des alten Athens, der Demokrat, der Athen jedoch härter und populistischer regierte als viele andere, der ein ganzes Zeitalter prägte, der die Grundsteine für die heutige Akropolis legte.