Die italienische Staatsanwaltschaft hat sich zu den Vorwürfen gegen Carola Rackete geäußert. Bei ihrer Einfahrt in den Hafen von Lampedusa soll die Kapitänin der Sea-Watch 3 ein Boot der Finanzpolizei touchiert haben. Die Staatsanwaltschaft wirft Rackete Widerstand gegen ein Militärschiff und Vollstreckungsbeamte vor. Zudem wird gegen Rackete wegen Beihilfe zur illegalen Migration ermittelt. Für den heutigen Dienstag wird eine Entscheidung des Ermittlungsrichters erwartet, ob Rackete in Haft bleibt oder freigelassen wird.

"Es gab keine Notlage", sagte der Staatsanwalt Luigi Patronaggio. Die Seenotretter hätten auch außerhalb des Hafens ärztliche Hilfe bekommen.

Ermittelt wird laut Patronaggio auch, ob der Rettungseinsatz unweit der libyschen Such- und Rettungszone notwendig war. "Wir werden die konkreten Methoden zur Durchführung der Rettung prüfen, das heißt, ob es Kontakt zwischen Menschenhändlern und der Sea-Watch gab", sagte Patronaggio. Es solle also geprüft werden, ob es eine "Rettungsaktion im Meer oder eine verabredete Aktion" war.

Der italienische Innenminister Matteo Salvini bezeichnet Seenotretter immer wieder als Komplizen der Schmuggler, die Migranten auf die gefährliche Fahrt ins Mittelmeer schicken. Er will Hilfsorganisationen wie Sea-Watch komplett aus dem Mittelmeer verbannen. Seit einem Jahr hat die italienische Regierung aus rechter Lega und populistischer Fünf-Sterne-Bewegung die Migrationspolitik verschärft.

Rackete steht unter Hausarrest, seit sie in der Nacht von Samstag auf Sonntag festgenommen wurde. Nach einer etwa dreistündigen Vernehmung am Montag war offengeblieben, ob die 31-Jährige auf freien Fuß gesetzt oder Haftbefehl für sie erlassen wird. Salvini hatte zuvor gesagt, dass Italien in jedem Fall bereit sei "die reiche, gesetzlose Deutsche auszuweisen".

"Humanistische und nautische Traditionen"

Rackete war in der Nacht auf Sonntag mit der Sea-Watch 3 mit mehr als 40 aus Seenot geretteten Migranten an Bord trotz Verbot in den Hafen der sizilianischen Insel Lampedusa eingefahren. Sie rechtfertigte ihre Entscheidung mit der verzweifelten Lage an Bord. Die deutsche Hilfsorganisation Sea-Watch hatte am 12. Juni insgesamt 53 Migranten vor Libyen gerettet. Aus gesundheitlichen und humanitären Gründen hatten schon 13 Migranten frühzeitig von Bord gehen können. Das Schiff aber bekam keine Anlegeerlaubnis. Rackete wurde nach dem Anlegen festgenommen und die Sea-Watch 3 beschlagnahmt.

Dominik Bartsch, der Repräsentant des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) in Deutschland, wies angesichts der Todesrate im Mittelmeer auf die Notwendigkeit der Seenotrettung hin. "Ich erwarte, dass sich Italien an seine humanistische und auch nautische Tradition erinnert", sagte Bartsch der Rheinischen Post. "Selbstverständlich muss sich auch Sea-Watch an internationale und nationale Gesetze halten." Aber in einer Notsituation hätten Leben und Gesundheit Priorität. Seit 2015 kamen nach UNHCR-Angaben fast 14.900 Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer ums Leben.

Der frühere Kapitän des Rettungsschiffs Cap Anamur und jetzige Flüchtlingsbeauftragte von Schleswig-Holstein, Stefan Schmidt, rechnet nicht mit einer schnellen Freilassung von Kapitänin Rackete. "Ich habe schlechte Erfahrungen mit den italienischen Behörden gemacht. Damals hieß der Regierungschef Silvio Berlusconi - und der war schon schlimm", sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung. "Wie damals bei uns läuft da ein politischer Prozess." Schmidt hatte 2004 mit der Cap Anamur Sizilien trotz Verbots angelaufen. An Bord waren 37 Flüchtlinge. Schmidt musste sich vor Gericht wegen Beihilfe zur illegalen Einreise verantworten. Er wurde Jahre später freigesprochen.

In Deutschland hat die Festnahme von Rackete eine Welle der Solidarität ausgelöst. Mehr als eine Million Euro an Spenden wurden insgesamt für Sea-Watch gesammelt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte Italien wegen der Festnahme kritisiert. In dem Fall wird am Dienstag eine Entscheidung des Ermittlungsrichters erwartet.