Angespannt wirkte Carola Rackete, als sie am Montagmorgen nach zwei Tagen Hausarrest auf der Insel Lampedusa wieder an Bord ging. Mit dem Schiff der italienischen Finanzpolizei musste sie nach Sizilien übersetzen, zu ihrem Haftprüfungstermin in Agrigent. Die Untersuchungsrichterin sollte über das weitere Schicksal der Kapitänin entscheiden. Ein möglicher Haftbefehl ist vertagt, Rackete bleibt vorerst unter Hausarrest.

Gehorsamsverweigerung gegenüber einem Kriegsschiff, Gewalt- oder Widerstandsakte gegen ein Kriegsschiff, verbotswidrige Navigation in italienischen Hoheitsgewässern, dazu noch Begünstigung der illegalen Einwanderung: Dies sind die Vorwürfe, die die Staatsanwaltschaft vorbringt gegen die Kapitänin der Sea-Watch 3, des unter niederländischer Flagge fahrenden Schiffs der deutschen NGO gleichen Namens, das am Samstag mit 40 Migranten an Bord in den Hafen von Lampedusa eingelaufen war – unter Missachtung aller Verbote. Rackete könnte das alles bis zu zehn Jahre Haft einbringen. Die italienische Justiz fasst mit diesen Vorwürfen die Ereignisse rund um das Rettungsschiff seit Mittwoch zusammen. 

Gleich zweimal nämlich hatte sich Rackete in den vergangenen Tagen den italienischen Anweisungen widersetzt: zunächst am Mittwoch, als sie, zwei Wochen nach der Rettung von 53 Menschen vor Libyens Küste, in die italienischen Hoheitsgewässer steuerte, und dann in der Nacht auf Samstag, als sie in den Hafen Lampedusas einfuhr und beim Anlegemanöver am Kai ein Boot der italienischen Finanzpolizei rammte.

Sofort ausweisen, "Richtung Berlin"

Juristisch ist der Fall für Italiens Regierung klar, vorneweg für den Innenminister und Chef der rechtspopulistisch-fremdenfeindlichen Lega, Matteo Salvini. Schon deswegen, weil sie sich in den vergangenen Monaten die Rechtslage nach eigenem Gutdünken zurechtgemacht hat: Just in den Tagen der Rettung der Migranten durch die Sea-Watch verabschiedete sie, als vorerst letzten Akt, das "Sicherheitsdekret zwei" – es stellt der Regierung frei, die Einfahrt von NGO-Schiffen in italienische Gewässer zu untersagen, bei Androhung einer Geldbuße von bis zu 50.000 Euro und der Beschlagnahme des Schiffs im Wiederholungsfall.

Carola Rackete berief sich ihrerseits auf Notstand an Bord: Sie habe Selbstmorde unter den Passagieren nicht mehr ausschließen können. Für Salvini dagegen ist sie eine "Kriminelle", die ein "Piratenschiff" gesteuert und das Geschäft der Schleuser besorgt habe, für die es deshalb nur einen Platz gebe: das Gefängnis. Und sollte sie auf freien Fuß kommen, werde er sie sofort ausweisen, "Richtung Berlin".

Völlig ungerührt lässt den Innenminister die Kritik aus dem Ausland, zuallererst aus Deutschland und Frankreich. Da mögen deutsche Politiker, von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über Außenminister Heiko Maas und EU-Kommissar Günther Oettinger bis zu Entwicklungsminister Gerd Müller aus den Reihen der CSU, unisono die Freilassung Racketes fordern, da mag die französische Regierung die italienische "Strategie der Hysterisierung" beklagen – Salvini macht einfach weiter.