Bezeichnend waren die Bilder aus Lampedusa, als Carola Rackete in der Nacht auf Samstag von Bord ging, gerade festgenommen von italienischen Beamten. Gewiss, einige Menschen zollten ihr Beifall. Doch die Szene bestimmte ein lautstarker Mob, der sie als "Zigeunerin" beschimpfte, der ihr wünschte, sie möge "von den Negern vergewaltigt werden", und ihr "Ab ins Gefängnis!" hinterherrief. Auf Lampedusa hatte die Lega bei der Europawahl am 26. Mai das Traumergebnis von 46 Prozent eingefahren, ihre Anhänger gaben, unterstützt von Fans des Koalitionspartners Fünf Sterne, auf dem Kai den Ton an.

Natürlich sind da auch die anderen im Land, diejenigen, die mit Salvinis Kurs der "geschlossenen Häfen" kein Stück weit einverstanden sind, zuvorderst die katholische Kirche. Am Samstag stellte sich Pietro Parolin, als Kardinalstaatssekretär die Nummer zwei im Vatikan, auf die Seite von Sea-Watch und teilte mit, "dass Menschenleben auf jeden Fall gerettet werden müssen", dass "dies der Polarstern sein muss, der uns anleitet". Und schon in den Vortagen hatte Cesare Nosiglia, der Erzbischof von Turin, die Aufnahme der Flüchtlinge in seiner Diözese angeboten. Salvini, der auf Kundgebungen gern den Rosenkranz schwenkt, hatte darauf nur geantwortet, der Bischof solle gefälligst "Italienern in Not helfen".

Salvini lässt das alles kalt

Und da wäre auch noch die linke Opposition. Fünf ihrer Abgeordneten waren in den vergangenen Tagen bis zur Ankunft in Lampedusa an Bord der Sea-Watch, etwa auch der Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus der größten Oppositionspartei, Partito Democratico (PD), Graziano Delrio. Er stellte sich gleichsam als Kronzeuge für Carola Rackete zur Verfügung, er sprach von den unhaltbaren Zuständen für die Flüchtlinge, davon, dass sie seit mehr als 14 Tagen bei über 40 Grad an Deck ausharren mussten, dass sie völlig demoralisiert gewesen seien. Salvini beschimpfte ihn darauf als "Komplizen" der kriminellen deutschen Kapitänin. Und auch die Tatsache, dass Papst Franziskus am nächsten Montag eine Messe für Flüchtlinge halten will, dürfte ihn kaltlassen.

Denn Salvini weiß die klare Mehrheit der Italiener auf seiner Seite. In der vergangenen Woche sprachen sich in einer Meinungsumfrage nur 33 Prozent für die Aufnahme der Sea-Watch-Flüchtlinge aus, 61 Prozent waren dagegen. Und unter Salvinis Lega-Wählern erreichte dieser Wert gar 93 Prozent.