Insgesamt waren es nur einige Stunden, die die sechs Türken in Libyen festgehalten wurden. Doch ihr Fall zeigt, wie angespannt die Lage im Bürgerkriegsland Libyen zwischen den Truppen des Milizengenerals Chalifa Haftar und der türkischen Regierung ist. Am Sonntag hatte das Außenministeriums in Ankara bekannt gegeben, dass sechs türkische Seeleute in der Gewalt der "illegalen Miliz" des libyschen Generals Chalifa Haftar seien. Das sei ein "Akt der Räuberei und der Piraterie".

"Wir erwarten, dass unsere Bürger sofort freigelassen werden", hieß es aus Ankara. Andernfalls würden "Haftars Elemente" zum "legitimen Ziel". Später riet das Außenministerium türkischen Staatsbürgern zudem, sich aus Konfliktgebieten in Libyen fernzuhalten. Am Montag hieß es dann aus dem Ministerium, nach den scharfen Drohungen aus Ankara seien die sechs Matrosen wieder frei. Die Männer würden auf eigenen Wunsch ihre Arbeit vor Ort fortsetzen.

In dem ölreichen Land in Nordafrika herrscht acht Jahre nach dem Sturz des Langzeitmachthabers Muammar al-Gaddafi Chaos. Die Türkei unterstützt die von den UN anerkannte Regierung von Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch, die mit Haftars Truppen um die Macht im Land kämpft. Diese werfen dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan vor, sich in libysche Angelegenheiten einzumischen. Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate gelten als Unterstützer von Haftars Truppen.

Türkische Läden mussten schließen

Haftar unterstützt eine Gegenregierung im Osten Libyens. Anfang April hatte er eine Offensive auf die Hauptstadt Tripolis gestartet und die strategisch wichtige Stadt Gharyan eingenommen. Regierungstreue Truppen und Einheiten Haftars liefern sich seither erbitterte Kämpfe um Tripolis. Nach UN-Angaben wurden dabei bisher mehr als 650 Menschen getötet und 3.500 weitere verletzt.

Der Ton zwischen Haftars selbst ernannter Libyscher Nationalarmee (LNA), die große Gebiete vor allem im Osten des Landes kontrolliert, und der Türkei hatte sich zuletzt deutlich verschärft. Die LNA verbot kommerzielle Flüge zwischen den Ländern, untersagte es türkischen Schiffen, an der libyschen Küste anzulegen, und drohte mit Haftbefehlen gegen türkische Staatsbürger.

Besitzer türkischer Läden und Restaurants im Osten des Landes hatten auf die Anordnung der LNA bereits reagiert. Sie hätten ihre Türen geschlossen und türkische Namensschilder entfernt, berichteten Augenzeugen. Diese Schritte hatten etwa Sicherheitskräfte in der Stadt Adschdabija angeordnet. Türkische Betriebe sind in Libyen vor allem Restaurants oder Geschäfte, die etwa Kleidung und Süßigkeiten verkaufen.

Bereits in der Nacht zum Montag waren in Adschdabija, das etwa drei Autostunden südlich von Bengasi entfernt liegt, zwei türkische Arbeiter freigelassen worden. Sie waren offenbar ohne gültigen Haftbefehl festgenommen worden, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen. Ob die beiden zu der Sechsergruppe gehörten, für die sich Ankara eingesetzt hatte, blieb zunächst unklar.