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Europa sortiert sich permanent neu. Manche Städte und Regionen verlieren an Einwohnern und damit oft auch an Bedeutung. Andere Gegenden boomen und erfreuen sich an Wachstum sowie einer steigenden Einwohnerzahl. Unsere Karte zeigt die jüngste Entwicklung der Bevölkerung: Je intensiver eine Gegend orange eingefärbt ist, umso stärker ist sie gewachsen, sei es durch Zuzug oder Geburt. Je intensiver das Blau ist, umso mehr Einwohner hat die Gegend verloren.

Zugrunde liegen der Karte Zahlen, die das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung herausgegeben hat. Hier werden regelmäßig Europas demografische Trends im Detail ausgewertet. Wir konzentrieren uns in dieser Darstellung auf den jüngsten Untersuchungszeitraum, nämlich auf die Jahre 2011 bis 2017. Insgesamt zeigen wir mehr als 100.000 Gemeinden aus 44 Staaten. Die genauen Daten von Griechenland, Albanien und Zypern für 2011 bis 2017 liegen dem Bundesinstitut nicht vor, da es in diesen Ländern auf lokaler Ebene keine Bevölkerungsfortschreibung gibt. Daher erscheinen sie auch in unserer Karte nicht.

Die Entwicklung der Bevölkerungszahl ist ein dynamischer Prozess. Gut zu sehen ist das im Osten Deutschlands, der nach der Wende einen großen Bevölkerungsschwund verzeichnete. In einigen ländlichen Regionen Ostdeutschlands ist das noch immer so, insgesamt allerdings schwächte sich der Bevölkerungsrückgang im Vergleich zu den Jahren davor zwischen 2011 und 2017 ab.

Viele Groß- und Mittelstädte in Ostdeutschland hingegen wuchsen in dieser Zeit sogar relativ stark: So war Leipzig beispielsweise in jüngster Zeit die deutsche Boomstadt schlechthin. Die sächsische Metropole wuchs mit fast 70.000 Einwohnern von 2011 bis 2017 stärker als jede andere deutsche Großstadt. Die Zuwachsrate lag pro Jahr bei mehr als zwei Prozent. Eine ähnliche Dynamik lässt sich auch bei etlichen kleineren ostdeutschen Großstädten beobachten: Magdeburg und Rostock beispielsweise wuchsen in dieser Zeit jährlich um 0,7 Prozent.

Diese positive Entwicklung sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass in manchen großflächigen ländlichen Gegenden im Osten die Bevölkerungsentwicklung anhaltend negativ ist. Dort stehen Politik und Gesellschaft vor großen Herausforderungen, das vom Grundgesetz vorgegebene Recht auf gleiche Lebensverhältnisse auch tatsächlich zu gewährleisten – etwa was die Verkehrsanbindung, die Versorgung mit Ärztinnen und Ärzten und mit schnellem Internet betrifft.

Noch ärger sieht es in Spanien aus. Hier dominiert das Blau, das für den Bevölkerungsrückgang steht, nicht nur einige ländliche Regionen, sondern fast das ganze Land. Viele Spaniern und Spanierinnen sind infolge der Wirtschaftskrise des vergangenen Jahrzehnts nach Frankreich oder Deutschland ausgewandert, erklärt Volker Schmidt-Seiwert im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Er koordiniert die europäische Raumbeobachtung für das Bundesinstitut. Eine Ausnahme sind die Regionen im Umland von größeren Städten wie Madrid, Barcelona und Bilbao: Sie weisen eine positive Bevölkerungsentwicklung auf. 

Dieser Trend – Schmidt-Seiwert spricht von einem Speckgürteleffekt – ist in mehreren europäischen Ländern zu beobachten. Markant ist das Beispiel Polen: Auch hier wächst das Umland von großen Städten wie Warschau oder Danzig stärker als die großen Städte selbst. Währenddessen sinkt die Bevölkerungszahl in den ländlichen Regionen, besonders im ohnehin dünn besiedelten Norden Polens.

Schmidt-Seiwert bezeichnet dieses Phänomen auch als Metropolisierung: Großstädte dehnen sich aus. Die Infrastruktur in den Vororten und in den umliegenden Dörfern wird besser und diese Orte damit attraktiver. Metropolen und frühere Dörfer wachsen zusammen. Die Städte werden dadurch noch größer – das Stadt-Land-Gefälle allerdings auch. Dieses findet sich in mehreren Regionen Osteuropas (besonders markant in den baltischen Staaten).

Ähnliche Trends lassen sich übrigens in der Türkei beobachten. Das Bundesinstitut analysiert die Dynamiken bei den EU-Beitrittskandidaten, zu denen die Türkei offiziell nach wie vor gehört. Wie viele Länder Europas hat die Türkei eine große Phase des Wachstums und der Modernisierung hinter sich. Aber auch sie wurde zwischendurch hart getroffen von wirtschaftlichen Krisen. Die Folge dieser Entwicklung kennen wir vom übrigen Europa. Sie heißen: Landflucht und Metropolisierung.

Inspiration: Berliner Morgenpost. Mitarbeit: Christopher Möller