Drei Wochen lang habe ich keine Fünf-vor-acht-Kolumne geschrieben, sondern vor allem gelesen: Bücher, Aufsätze, Zeitungskommentare, klassische Texte zum Thema Demokratie. Warum? Weil die Demokratie unter Druck ist. Weltweit steigt die Zahl der autoritären Regime. In den westlichen Demokratien erhöhen autoritäre, semi-autoritäre, identitäre oder populistische Parteien ständig ihren Stimmanteil.

In Skandinavien haben sie das Parteiensystem verändert. In Ungarn und Polen stellen sie die Regierung. In Österreich saßen sie bis vor Kurzem im Kabinett. In Frankreich macht Marine Le Pen dem Staatspräsidenten Emmanuel Macron die Mehrheit streitig. In Washington frönt Donald Trump, ein Bewunderer aller starken Männer von Xi Jinping und Kim Jong Un bis hin zu Wladimir Putin, seinen demagogischen Neigungen, während in London 90.000 Tory-Mitglieder – nicht einmal ein Prozent der insgesamt Wahlberechtigten! – ein notorisches Großmaul ohne erkennbare Amtseignung zum Premierminister erhoben.

Nicht zu vergessen schließlich Deutschland. Dort hat die AfD 2017 bei der Bundestagswahl 12,6 Prozent der Stimmen auf sich vereinigt und ist damit die drittstärkste Partei im Bundestag geworden. Bei den Landtagswahlen im Herbst könnte sie in Sachsen und Brandenburg die stärkste Partei werden.

Vom Kampf für die Demokratie

Grund genug für mich, über die Demokratie und ihre Gefährdungen nachzulesen. Karl Popper, der Philosoph der offenen Gesellschaft und ihrer Feinde, bekannte: "Die Demokratie, so unvollkommen sie sein mag, ist es wert, dass man für sie kämpft." Isaiah Berlin zitiert Immanuel Kants einprägsamen Satz: "Aus so krummem Holz, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden." Daraus folgert er: "Aus diesem Grund kann es in den Angelegenheiten des Menschen keine vollkommene Lösung geben – und jeder Versuch, solche Lösungen zu verwirklichen, mündet mit hoher Wahrscheinlichkeit in Leiden, Enttäuschung und Scheitern."

Dennoch wird es immer wieder versucht. Wie schon der konservative spanische Intellektuelle José Ortega y Gasset analysiert hat: meist von einem "Menschentypus, der darauf verzichtet, Gründe anzugeben und Recht zu haben, sondern sich schlichtweg entschlossen zeigt, seine Meinung durchzusetzen"; einem Typ, der meinen will, aber die Bedingungen und Voraussetzungen allen Meinens nicht anerkennt. Es ist dieser Schlag Mensch, der sich in den sozialen Medien auf widerlichste, anonyme Weise auslebt und der sich zumal im rechtspopulistischen, völkisch-rassistischen "Flügel" der Alternative für Deutschland eingenistet hat. Dieser Flügel, schreibt Heribert Prantl, sei dabei, die AfD in einen braunen, völkischen Kampfverband zu verwandeln.

Die Schriften zweier alter Freunde und intellektueller Kampfgefährten haben mich bei meiner Lektüre in den zurückliegenden drei Wochen besonders beeindruckt und bewegt. Der eine ist der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern, der andere der deutsch-englische Soziologe Ralf Dahrendorf. Beide sind tot, Dahrendorf seit zehn, Stern seit drei Jahren. Doch ihre Ideen, ihre Einsichten und ihre Besorgnisse sind aktueller denn je.

"Die Zerbrechlichkeit der Freiheit ist die einfachste und tiefste Erfahrung meines Lebens", war ein mahnender Leitsatz Sterns. Am Ende seines Lebens, "im Schatten und auf dem Schutt des 21. Jahrhunderts", wie er sagte, trieb ihn die Sorge um, dass der Freiheit aufs Neue politische Gefahr drohe. Wie seinem Freund Ralf Dahrendorf war ihm stets bewusst, dass das pathologische Syndrom des rechten Ressentiments älter ist als der Nationalsozialismus und dass es diesen zugleich überlebt hat. Doch nun sah er die unheilvollen Kräfte der Vergangenheit in manchen EU-Ländern wieder Geltung erlangen. Und dass ein aufgeheizter Nationalismus auch in Amerika Fuß fasste.

"Ich glaube, wir stehen vor einem neuen, illiberalen Zeitalter", sagte er kurz vor seinem Tod. "Ich bin aufgewachsen mit dem Ende einer Demokratie. Jetzt muss ich am Ende meines Lebens die Kämpfe um die Demokratie noch einmal erleben."

Auch Ralf Dahrendorf, der ewige Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Politik, zwischen Deutschland und Großbritannien, zudem zwischen Machen und Mahnen, erkannte schon zu Beginn des 21. Jahrhunderts die neue Gefährdung. Im Jahre 2001 bekannte er im National Interest, er habe sich nicht vorstellen können, dass the risks to democracy so mächtig werden würden. Zwei Jahre danach veröffentlichte er in der Kulturzeitschrift Transit einen Aufsatz über Populismus. Die Friedrich-Naumann-Stiftung hat ihn jetzt noch einmal nachgedruckt, zu Recht. Seine grundsätzlichen Aussagen haben seit 2003 an Relevanz eher noch gewonnen.

Populismus wird rasch zum Rechtspopulismus, besonders bei den Themen Recht und Ordnung und Zuwanderung, schrieb Dahrendorf schon damals. Rechtspopulistische Führer sind oft schillernde Gestalten, ambitionierte "Randfiguren mit einer schrägen Attraktivität". Populisten stehen ratlos vor der Komplexität der Demokratie. Sie treffen ein paar symbolische Entscheidungen, das Gestrüpp der Probleme bleibt. Im Kern ist der Populismus antiparlamentarisch, auch wenn er sich der Parlamentswahlen bedient, um an die Macht zu kommen. Dahrendorf verkennt nicht, dass es angesichts der Globalisierung auch "so etwas wie Linkspopulismus" gibt. Für die Themen der Rechten wie der Linken gelte, dass die Traditionsparteien sie nicht, oder nicht in der richtigen Weise, auf die Tagesordnung der politischen Debatte gesetzt haben.

Die Themen blieben liegen

Das aber ist des Pudels Kern. Frühere Rechtsparteien wie die Sozialistische Reichspartei (SRP) in den Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts oder die Nationaldemokratische Partei (NPD) in den Sechzigern brachten es zeitweise auf zehn oder zwölf Prozent der Stimmen; die NPD hielt Einzug in sieben Landtage. Aber sie verschwanden rasch wieder in der Versenkung, weil es noch einen politischen Diskurs gab, in dem sich die ganze Hohlheit und Wirrnis ihrer Programmatik aufs Peinlichste enthüllte. Diesen politischen Diskurs abgewürgt zu haben, wird Angela Merkels Bild in der Geschichte verdunkeln. Ihr begründungsfreies Mantra, "Es gibt keine Alternative", hat letztlich die Alternative für Deutschland hervorgebracht.

Zu den großen Themen hatte ein intellektuell ausgemergeltes Parlament nichts Zusammenhängendes, Durchdachtes, Handlungsleitendes zu sagen gewusst. Globalisierung? Digitalisierung? Die Arbeitswelt von morgen? Die Verkümmerung des Mittelstandes? Die wachsende Ungleichheit und die abnehmende Aufstiegsmobilität in unserer Gesellschaft? Die Zähmung des großmächtigen Hightech-Kapitalismus? Die Weltordnung im postamerikanischen, möglicherweise chinesischen Jahrhundert und Europas Platz darin? Der Klimawandel? Von der ausgelaugten großen Koalition ist dazu nichts Überzeugendes zu hören. Und nirgendwo sind visionäre politische Denker wie einst Karl-Hermann Flach (FDP), Kurt Biedenkopf (CDU) oder Peter Glotz (SPD) zu sehen, die eine Vision, ein Konzept, ein Aktionsprogramm zu formulieren vermochten.

Ich will nicht in grämlichen Pessimismus verfallen. Ich glaube prinzipiell an die Resilienz der Demokratie – ihre Korrekturfähigkeit, Vernunftfähigkeit und Verantwortungsfähigkeit. Gegenwärtig allerdings macht mir die schwindsüchtige Schwäche der Demokraten im Lande mehr Sorgen als die vermeintliche Stärke der Systemgegner auf der Rechten. Sie untergräbt unsere Zukunftsfähigkeit. Aber das Siechtum der großen Koalition darf nicht zur Aushöhlung unserer Demokratie führen.