Natürlich ist es wichtig, sich öffentlich gegen Rassismus und Ausgrenzung zu stellen. Insofern haben die lautstarken Reaktionen, die Donald Trumps Verbalattacken gegen vier Kongressabgeordnete in den vergangenen Tagen in den Medien und bei den Demokraten hervorgerufen haben, durchaus ihre Berechtigung. Wenn der US-Präsident gewählte nicht weiße Volksvertreterinnen zur Ausreise auffordert, weil diese sich kritisch zur Situation von Einwanderern in den USA äußern, ist das fraglos eine rassistische Grenzverletzung.

Dennoch bringt die öffentliche Auseinandersetzung um die Äußerungen Trumps seinen Gegnern nichts. Durch den Dauerkonflikt bekommt der Präsident vor allem eines: öffentliche Aufmerksamkeit. Seit seinem ersten Angriff auf die Demokratin Ilhan Omar vor mehr als einer Woche hat Trump die Presse mit immer neuen Kontroversen gefüttert. Am vergangenen Mittwoch ließ der US-Präsident "Schickt-sie-nach-Hause"-Gesänge bei einer Wahlkampfveranstaltung unwidersprochen zu.

Die Medien dokumentierten Trumps Ausfälle mit immer neuen Schlagzeilen. Prominente Politikerinnen wie Hillary Clinton kritisierten die Äußerungen des US-Präsidenten deutlich. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel kommentierte die Kontroverse und solidarisierte sich mit Omar und den anderen Abgeordneten, die Trump beleidigt hatte.

Wie ein Déjà-vu des Präsidentschaftswahlkampfs

Der Kulturkrieg, der Trump ins Amt beförderte, ist seit vergangener Woche also erneut voll im Gange. Die Ereignisse fühlen sich an wie ein Déjà-vu des Präsidentschaftswahlkampfs 2016. Schon damals machte Donald Trump mit seinen Grenzüberschreitungen Dauerschlagzeilen. Er bezeichnete mexikanische Einwanderer als Vergewaltiger, beleidigte Frauen und politische Gegner. Eine Tonaufnahme wurde veröffentlicht, in der Trump sich damit brüstete, Frauen in den Schritt zu fassen. Mit jedem Tabubruch stieg Trumps Bekanntheit und mittelbar auch seine Popularität. Zur Polarisierung trug allerdings auch die Gegenseite bei: In einem ideenlosen Wahlkampf beschränkte sich Hillary Clinton weitgehend darauf, den Sexismus und Rassismus ihres Gegners anzuprangern.

Damals wie heute ist diese Polarisierung jedoch das falsche Mittel gegen Trump. Dessen Ziel ist offenkundig eine gesellschaftliche Spaltung entlang von Ethnie, Geschlecht und sexueller Orientierung. 2016 machten die Demokraten den Fehler, Trumps Kulturkampf anzunehmen. In Ermangelung politischer Ziele setzte Clinton 2016 ebenso auf Identitätspolitik. Statt Weißer, Männer und der Landbevölkerung setzte die ehemalige Außenministerin dabei auf gut gebildete Frauen, sowie ethnische und sexuelle Minderheiten. Am Ende hatte Trumps identitätspolitische Koalition mehr Erfolg.

Polarisierung ist das falsche Mittel gegen Trump

41 Prozent der US-Amerikanerinnen wählten Trump trotz seiner öffentlich dokumentierten Misogynie. Auch seine ausländerfeindlichen Äußerungen haben die Wähler offenbar nur zum Teil abgeschreckt. Sogar 28 Prozent der Latino-Wähler stimmten für den Mann, der eine Mauer zu Mexiko bauen will. Das Wertesystem, das man im Clinton-Lager und in den großen Redaktionen für universell hielt, wurde von Trumps Wählerinnen und Wählern offenkundig nicht geteilt.

Mehr als zweieinhalb Jahre nach Donald Trumps Wahlsieg hat sich daran wenig geändert. Nur 25 Prozent der Republikaner halten laut einer Umfrage von USA Today Trumps Äußerungen zu Omar für unamerikanisch, bei den ungebundenen Wählern waren es 54 Prozent. Einen breiten antirassistischen Konsens gibt es in den USA derzeit offenkundig nicht. Das ist zwar bedauerlich, aber nicht zu ändern. Und deshalb bringt es wenig, wenn die US-Medien Trump täglich Raum geben, seine kruden Äußerungen zu wiederholen und ihm damit ermöglichen, weiter den Nachrichtenzyklus zu bestimmen. Zumal sie dadurch den Blick auf wichtigere Themen versperren.