Nach ihrer umstrittenen Nominierung als EU-Kommissionspräsidentin hat Ursula von der Leyen versichert, eng mit dem Europaparlament zusammenarbeiten zu wollen. "Mir war es sehr wichtig, nachdem diese Nominierung erfolgt ist, dass ich sofort als Allererstes hier nach Straßburg gekommen bin, um das Parlament zu treffen, mit den Abgeordneten zu sprechen", sagte die CDU-Politikerin im Europaparlament. "Hier im Europäischen Parlament schlägt das Herz der europäischen Demokratie."

Europaabgeordnete hatten nach ihrer Nominierung kritisiert, dass die EU-Staats- und Regierungschefs einen der Spitzenkandidaten der Europawahl verhindert und stattdessen völlig überraschend von der Leyen als Kommissionschefin gewählt hätten. Die Kandidatin sagte, alle hätten einen langen Wahlkampf absolviert. "Aber jetzt ist ganz entscheidend, Einigkeit zu zeigen, ganz entscheidend, unsere gemeinsame Leidenschaft für unser Europa, das so wichtig ist in dieser Welt und das hörbar und sichtbar sein muss, auch zu formen", sagte sie. Es gehe um die Zukunft Europas.

Sie werde nun viel zuhören, um in den nächsten 14 Tagen dem Parlament ihre Vision für Europa darlegen zu können. Die Nominierung bezeichnete sie als Ehre, sie sei dankbar und überwältigt.

Grüne kritisieren "groteske" Absprache

Das Europaparlament muss die neue Kommissionschefin wählen. Eine Mehrheit für von der Leyen ist bislang nicht sicher. Die Wahl könnte in der Woche ab dem 15. Juli stattfinden. Sie braucht dann die Stimmen von mindestens 376 der 751 Abgeordneten im Parlament. "Die hat sie noch lange nicht", sagte der Grünen-Abgeordnete Sven Giegold.

"Es ist nicht das Versprechen, das den Bürgerinnen und Bürgern vor der Wahl gegeben wurde", sagte die frühere Justizministerin und jetzige EU-Abgeordnete Katarina Barley im ZDF und kündigte ihre Ablehnung an. Grünenfraktionschefin Ska Keller sagte dem Sender: "Ich sehe noch keinen Grund, warum wir diesem Deal zustimmen sollten."

Die spanische Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten im Europaparlament, Iratxe García Pérez, nannte die Gipfel-Entscheidung "zutiefst enttäuschend". Die Grünen kritisierten eine "groteske" Absprache, nachdem von den Mitgliedstaaten erst der konservative Spitzenkandidat Manfred Weber und dann der Sozialdemokrat Frans Timmermans als nicht mehrheitsfähig aussortiert wurden.

Kramp-Karrenbauer fordert Unterstützung für von der Leyen

Von der Leyen war am Dienstag von den EU-Staats- und Regierungschefs als Kommissionspräsidentin nominiert worden. Kanzlerin Angela Merkel musste sich in Brüssel enthalten, weil die SPD den Vorschlag nicht mittragen wollte. Als Kommissionspräsidentin würde Ursula von der Leyen nicht nur Chefin von mehr als 30.000 Beamten, sondern gäbe auch politische Linien und Prioritäten für Europa vor.

SPD-Politiker kritisierten, mit der Nominierung werde das europäische Spitzenkandidatensystem beerdigt und die Demokratie beschädigt. Auch die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer nannte das Verfahren nicht optimal. Der ehemalige SPD-Chef Sigmar Gabriel sah sogar einen Grund für seine Partei, die Regierung zu verlassen.

Kramp-Karrenbauer appellierte an die SPD, der Nominierung Von der Leyens doch noch zuzustimmen. "Ich hoffe sehr, dass sich die Sozialdemokraten in ihrer sozialistischen Familie auch dazu durchringen können", sagte sie. Von der Leyen sei eine erfahrene Politikerin. Zuvor hatte CSU-Chef Markus Söder der SPD vorgeworfen, für eine "echte Belastung" für die Koalition gesorgt zu haben.