"Wir haben da mal was ausgerechnet", sagt Udo Bullmann und legt einen Zettel auf den Tisch. Darauf sind die Flaggen aller EU-Staaten, dahinter jeweils rote oder grüne Pfeile. Rot für Nein, grün für Ja. Der Zettel zeigt die Mehrheitsverhältnisse im Rat der Regierungschefs am Abend des 30 Juni 2019, der deutsche sozialdemokratische EU-Abgeordnete Bullmann hat ausgerechnet, wie viele Stimmen sein Parteifreund Frans Timmermans zu diesem Zeitpunkt als Kommissionspräsident bekommen hätte. "Das ist eindeutig", sagt Bullmann. "Endergebnis: gebilligt" steht auf dem Zettel. 23 Länder und 75,67 Prozent der Bevölkerung für Timmermans.

Wichtig ist nicht, ob Bullmanns Rechnung stimmt und wirklich nur fünf Länder gegen Timmermans waren oder nicht doch eher zehn. Wichtiger ist, dass der Bullmann noch über eine Woche später hier sitzt, in einem Café im Europäischen Parlament, und über jenen vergangenen Sonntag spricht. Wo doch nebenan schon Ursula von der Leyen von der CDU durchs Parlament tourt und um Stimmen wirbt, die vom Rat statt Timmermans nominierte Kandidatin für die Kommissionspräsidentschaft.

Die deutschen Sozialdemokraten werden kommende Woche gegen sie stimmen. Ihr Nein wird weniger der Person von der Leyens und ihrer Politik gelten, sondern mehr dem Verrat am Spitzenkandidatenverfahren. Sie wollen ein Zeichen setzen: dass sie das Verfahren noch nicht aufgegeben haben, "dass wir am Anspruch festhalten, Europa zu demokratisieren und zu parlamentarisieren", wie es der Sprecher der 16 Abgeordneten, Jens Geier, sagt. "Es geht hier um unsere Glaubwürdigkeit. Das Spitzenkandidatenprinzip war schließlich ein Versprechen, dass alle großen Parteienfamilien den Wählern gegeben haben." So gesehen sind sie die letzten Aufrechten des Parlaments. 

Pragmatischer als die Deutschen

Oder sie sind eher sture Prinzipienreiter. So sieht es der große Rest des Brüsseler Politikbetriebs. Und selbst ihre eigenen Fraktionskollegen scheinen da pragmatischer zu sein als die Deutschen.

Dienstag dieser Woche, dritte Etage im Hauptgebäude des Europäischen Parlaments. Geier, Bullmann und die anderen treffen sich in Raum 3G2, direkt daneben, in Raum 3G3, tagen die sozialistischen Abgeordneten aus Spanien. Sie stellen jetzt die größte Gruppe in der Fraktion und nicht mehr die Deutschen, die Spanierin Iratxe García Pérez hat Bullmann als Fraktionsvorsitzende abgelöst. Und wenn man mit ihnen am Rande ihrer Sitzung spricht, dann wird klar: Im Fall von der Leyen sind sie deutlich flexibler als die Deutschen. "Wissen Sie, der ganze Prozess war enttäuschend, und wir haben alle für Frans Timmermans gekämpft", sagt beispielsweise Javi López. "Aber wir müssen doch auch sehen, was wäre denn der nächste Schritt, wenn wir so prinzipiell sind?" 

Das ist die pragmatische Sichtweise. López und die anderen wissen: Wenn sie von der Leyen verhindern, werden sie deshalb Timmermans nicht wiederbekommen. Anders als die Deutschen haben sie sogar etwas zu verlieren. Ihr Parteifreund Josep Borrell, bisher spanischer Außenminister, soll Außenbeauftragter der EU werden, das ist Teil des Personalpakets, zu dem auch von der Leyen gehört. Lehnen sie die Deutsche ab, könnte auch Borrell wieder aus dem Spiel sein. Ganz zu schweigen davon, dass sich ihr Parteichef und Ministerpräsident Pedro Sánchez für das Paket einsetzt, die neue Fraktionschefin der Sozialdemokraten und Sozialisten, García Pérez, gilt als seine enge Vertraute.