Wie Flüchtlingskrisen entstehen? Zum Beispiel so: In Syrien greifen derzeit Milizen des Assad-Regimes die letzte Bastion der Opposition im Nordwesten des Landes an. Russland und Iran unterstützen das Regime. Die Türkei hingegen beliefert die Opposition – schiebt aber gleichzeitig selbst Flüchtlinge nach Syrien ab. Zuständige Diplomaten im Westen schauen notgedrungen zu. Der Rest ist im Sommerurlaub.

Dabei hatte schon Anfang Juni ein UN-Vertreter vor "der schlimmsten humanitären Katastrophe des Jahrhunderts" gewarnt. Es geht um den Nordwesten Syriens und die Stadt Idlib. Dort haben sich die Reste der syrischen Opposition, islamistische und dschihadistische Gruppen verschanzt, dazu kommen Hunderttausende Flüchtlinge. Idlib ist Fluchtpunkt und Vorhof zur Hölle zugleich. Wer hier um Schutz suchen muss, der ist wirklich auf der Flucht. Und so stellt sich wieder einmal die dringende Frage: Lässt sich die Katastrophe noch verhindern?

Seit drei Monaten versuchen syrische Regierungsmilizen diese Region mit Flächenbombardements und Dauerbeschuss zu erobern. Sie wollen nur das Land, wohlgemerkt, nicht die Menschen. Die würden im Fall des Einmarsches umgebracht oder in Massen zur Flucht gezwungen, wie schon in den anderen Oppositionshochburgen Syriens geschehen. Damit das nicht passiert, hilft die Türkei den Rebellen. Doch leider steht auch die Türkei nicht auf der guten Seite in diesem bösen Endspiel um Syrien. Auch sie, die über drei Millionen Syrer beherbergt, macht den Flüchtlingen das Leben schwerer.

Erdoğan macht die Türkei dicht

Als sich Russland, Iran und die Türkei 2018 mühselig einigten, dass Idlib einstweilen als Schutzort für Assad-Gegner bestehen bleiben solle, musste Präsident Recep Tayyip Erdoğan ein Versprechen geben: Er sollte die terroristischen Dschihadisten der Hayat Tahrir as-Scham (HTS) eindämmen. Das ist ihm nicht gelungen. Weiterhin kontrollieren HTS-Milizen große Teile der Region. Mittlerweile sollen aus der Türkei auch wieder tonnenweise Waffen an die Milizen gehen.

Zugleich aber fährt die Regierung in Ankara einen harten Kurs gegen die Flüchtlinge im eigenen Land. Syrer, die in einer Stadt angetroffen werden, in der sie nicht registriert sind, müssen damit rechnen, abgeschoben zu werden. So sollen bei Razzien und Polizeikontrollen vor allem in Istanbul mehr als 600 Flüchtlinge aufgegriffen worden sein. Einige von ihnen, sagen Menschenrechtsorganisationen, seien nach Syrien abgeschoben worden. Damit sei die Türkei kein sicherer Drittstaat für Flüchtlinge mehr, so die NGO Adopt a Revolution, die die syrische Zivilgesellschaft unterstützt. Wenn das so ist, dürfte die EU auch keine Flüchtlinge mehr in die Türkei zurückschieben. Die türkischen Behörden wehren sich gegen Vorwürfe und betonen, sie würden nur "illegal" eingereiste Migranten deportieren.

Der härtere türkische Kurs in der Flüchtlingsfrage wurde kürzlich vom Außenminister offen bekräftigt – und zwar gegenüber Europa. Mevlüt Çavuşoğlu erklärte das Rücknahmeabkommen mit der EU für ausgesetzt. Es ist ein wichtiger Teil der Flüchtlingsübereinkunft zwischen Brüssel und Ankara von 2016 und sieht vor, dass die Türkei syrische Flüchtlinge, die illegal über die Türkei auf einer griechischen Insel landen, zurücknimmt und im Austausch legal in der Türkei lebende Syrer an die EU abgibt. Doch schaut man auf die verschärften Kontrollen an der türkisch-syrischen Grenze und die neuesten Abschiebungen von Flüchtlingen aus der Türkei, ist eines nicht mehr zu übersehen: Erdoğan macht die Türkei dicht.

Geld allein wird nicht reichen, wenn Idlib fällt

Was das für die Flüchtlinge in der Region Idlib bedeutet, wenn die letzte Bastion der Opposition fällt, ist unabsehbar. Die EU sollte sich aber jetzt schon auf die Folgen einer neuen Flüchtlingskatastrophe einstellen. Vor einer Woche stellte die EU-Kommission 1,4 Milliarden Euro für syrische Flüchtlinge in der Türkei zur Verfügung, eine weitere Tranche des 6-Milliarden-Euro-Pakets, das Brüssel Ankara für den Flüchtlingsdeal zugesagt hat.

Geld allein dürfte jedoch nicht reichen, wenn Idlib fallen sollte. Schon heute ist es wichtig, mit der Türkei, Libanon und anderen Ländern der Region zu sprechen, wie sie Flüchtlingen im Fall der Fälle einen Weg aus Idlib anbieten können. Über die eventuell notwendige Verteilung von Schutzsuchenden wäre schon heute zu verhandeln. Geschieht das, wenn Flüchtlinge bereits auf dem Weg sind, wird es zu spät sein.