Als eine knappe Mehrheit der Briten vor drei Jahren für einen EU-Austritt votierte, geschah das im Namen der Demokratie. Es gelte, die Kontrolle zurückzugewinnen, argumentierten die Befürworter des Brexits. Weg von vermeintlich nicht demokratisch legitimierten EU-Bürokraten, zurück zu einem souveränen britischen Parlament und Volk.

Doch die vergangenen drei Jahren haben gezeigt: Der Brexit ist seinen Anhängern wichtiger als die Demokratie. Gegen den wütenden Protest der Brexiteers musste vor Gericht durchgesetzt werden, dass die vom Volk gewählten Abgeordneten über die Art und Weise des Austritts abstimmen durften. Das Nein des Parlaments zu dem von Theresa May ausgehandelten Austrittsvertrags wurde dennoch dreimal ignoriert.

Und jetzt bestimmen nicht einmal 0,4 Prozent der wahlberechtigen Briten über den nächsten Premierminister. Sie sind allein kraft ihrer Mitgliedschaft in der Konservativen Partei dazu ermächtigt, ihren Mitbürgern einen Mann aufzudrücken, den die Mehrheit der übrigen 99,6 Prozent der Wähler nicht will. Dieser Boris Johnson schließt nicht aus, den Widerstand der demokratisch gewählten Abgeordneten gegen einen Brexit ohne Vertrag zu umgehen, indem er das Parlament schlichtweg suspendiert. Was vorgeblich die Demokratie in Großbritannien wiederherstellen sollte, führt in der Realität dazu, dass demokratische Grundsätze ausgehebelt werden.

Brexit – komme, was da wolle

Aber geht deshalb ein Aufschrei durch das Land? Nein, es ist gespenstisch still in Großbritannien. Seit Wochen zeichnet sich mit wachsender Unvermeidlichkeit ab, dass ein winziger Bruchteil der britischen Bevölkerung, der älter, reicher, weißer und männlicher ist als der Rest der Briten (und weiter rechts sowieso), einen Kandidaten zum Premier erheben wird, der seine Karriere auf Lügen gebaut, in seinem einzigen Ministeramt versagt, sich fast jeder kritischen Prüfung entzogen und für die Zukunft des Landes lediglich widersprüchliche, teils sogar katastrophale Pläne hat. Den Mitgliedern der Konservativen Partei ist das egal. Für sie zählt allein, dass Johnson versprochen hat – komme, was wolle ("do or die") –, für einen Brexit am 31. Oktober zu sorgen: dem jüngsten Ultimatum, das die EU den Briten gesetzt hat. Die überwältigende Mehrheit der Tories ist bereit, dafür in Kauf zu nehmen, dass der britischen Wirtschaft erheblicher Schaden zugefügt wird; dass daran vielleicht sogar das Vereinigte Königreich zerbricht; ja selbst, dass ihre eigene Partei dabei zerstört wird. Wie ist es möglich, dass sich 66 Millionen Briten (oder 47 Millionen Wahlberechtigte) dem Kamikaze-Akt von 160.000 Tories mit kaum mehr als einem leisen Murren ausliefern?

Die Fülle von Lügen, Übertreibungen und Fantastereien, die nicht nur vor dem Referendum, sondern auch seither die britische Politik beherrscht, hat die Menschen erschöpft und verstört zurückgelassen. Auf die postfaktische folgt die postpolitische Ära.

Als David Cameron beschloss, das Volk über den Verbleib Großbritanniens in der EU abstimmen zu lassen, erhob er ein Thema zur Schicksalsfrage der Nation, das die Briten bis dahin wenig interessiert hatte. Jahrzehntelang gaben in Umfragen zu Unterhauswahlen klägliche zwei bis vier Prozent der Wähler an, die EU sei für sie das wichtigste Thema. Selbst bei der Wahl 2015, als Cameron ein Referendum bereits versprochen hatte (und gerade mal ein Jahr, bevor es schließlich stattfand), erklärten lediglich elf Prozent die EU zum wahlentscheidenden Thema.