Am Ende seines Marsches fragt sich Wong Yik Mo, ob er jetzt ins Gefängnis muss. Er steht an einer Kreuzung im Zentrum Hongkongs. Vor ihm sperrt eine Reihe Polizisten die Straße ab. Mehr als zwei Stunden lang hat Wong einen Protestzug durch die Metropole angeführt, doch hier geht es vorerst nicht weiter. "Hast du Angst, dass es rechtliche Probleme geben könnte?", fragt ihn einer seiner Mitstreiter. "Ja", antwortet Wong knapp.

Wong ist 33 Jahre alt und eine der Führungsfiguren der Organisation Civil Human Rights Front, die hinter den Massendemonstrationen der vergangenen Wochen mit Hunderttausenden Teilnehmern gegen Regierungschefin Carrie Lam steht. Zum 1. Juli, dem 22. Jahrestag von Hongkongs Rückgabe an China, haben sie eine neue Demonstration organisiert. Das hat an dem Datum seit Jahren Tradition. Doch dieses Mal überschatten Ausschreitungen die friedliche Kundgebung. Hongkong erlebt einen Tag der Aggression.

Eigentlich ist der 1. Juli in Hongkong ein Feiertag – zumindest laut Kalender. Doch dieser Tag beginnt mit einer ernsten Warnung. "Bleibt stehen, oder wir wenden Gewalt an", steht auf einem roten Banner. Polizisten strecken es in Richtung von Demonstranten, die eine Schnellstraße vor dem Regierungssitz blockiert und Barrikaden errichtet hatten. Wenig später machen die Beamten ihre Drohung wahr – ohne ersichtliche Provokation. Gewaltsam drängen sie die Protestierenden zurück, sprühen Pfefferspray in die Menge und schlagen mit Knüppeln auf die Menschen ein. Regierungsgegner werfen von einer ebenfalls besetzten Hochstraße aus Flaschen und Straßensperren auf die Polizisten. Mehrere Menschen werden verletzt.

Sicherer ohne Helm

Wong erreicht den Schauplatz der ersten Ausschreitungen, als zwischendurch etwas Ruhe einkehrt. Er bekommt dennoch eine Atemschutzmaske gereicht – und lässt sie gleich in seinem Rucksack verschwinden. Zu den Protesten geht er ohne Schutz. So fühlt er sich sicherer: "Wenn man einen Helm trägt, dann hauen die Polizisten nur noch stärker zu."

Wong hat kurze schwarze Haare, trägt eine Brille und kurze Hosen. Während die meisten Demonstranten schwarz gekleidet sind, ist sein T-Shirt weiß. "I am free, therefore I am" ist darauf zu lesen. Wong gehört zu den vielen jungen Hongkongern, die ihr politisches Erweckungserlebnis vor fünf Jahren hatten, als die sogenannten Regenschirm-Proteste wochenlang Teile der Stadt lahmlegten. Schon damals forderten die Menschen mehr Demokratie für ihre Heimat.

Er sei damals relativ unpolitisch gewesen, erinnert sich Wong. Ein Freund habe ihn zu den Protesten mitgenommen. "Ich dachte früher immer, die Menschen in Hongkong würden alle nur an sich denken", erzählt er. "Damals habe ich eine neue Seite der Stadt kennengelernt." Und während die meisten Demonstrantinnen und Demonstranten, die sich damals für mehr Demokratie einsetzten, irgendwann wieder zu ihrem Alltag zurückkehrten, blieb Wong beim Aktivismus. Seine Organisation, die in Hongkong seit 2002 aktiv ist, will Bürgerrechtlern eine Plattform bieten.

Anonym hinter Masken

Wong und seine Leute planen klassische Demos: Sie kümmern sich um die Routen, holen Genehmigungen bei den Behörden ein und rufen Parolen in ihre Megafone. Doch sie sind nur eine Seite des Protests, den Hongkong gerade erlebt.

Die andere Seite ist eine große Gruppe junger Menschen, die weitgehend ohne Anführer sind. Sie organisieren sich über Chatgruppen und soziale Netzwerke. In der Nacht zum 1. Juli haben sie sich rund um das Gebäude des Hongkonger Parlaments versammelt. Die meisten tragen Masken, um nicht erkannt zu werden. Sie wollen ein Zeichen setzen gegen die offizielle Gedenktagszeremonie von Regierungschefin Lam, bei der Hongkongs Flagge feierlich gehisst wird – in diesem Jahr allerdings abgeriegelt hinter Barrikaden, wegen der Proteste.