Im Persischen Golf stehen die Zeichen mehr und mehr auf Eskalation. Die britische Regierung drohte Iran mit einer "robusten Antwort" und mit "ernsten Konsequenzen", sollte der von den Revolutionären Garden in der Straße von Hormus beschlagnahmte Tanker Stena Impero nicht umgehend freigegeben werden. Die Revolutionswächter hatten das unter britischer Flagge fahrende Schiff nach Angaben seines schwedischen Eigners am Freitag mit vier Schnellbooten und einem Hubschrauber in internationalen Gewässern in ihre Gewalt gebracht und in Richtung der Hafenstadt Bandar Abbas gezwungen. Das britische Kriegsschiff Montrose, das dem bedrängten Tanker beistehen wollte, kam nach Medienberichten zehn Minuten zu spät.

London forderte am Samstag alle britischen Schiffe auf, die Meerenge vor der iranischen Küste bis auf Weiteres zu meiden. Der zweite, von bewaffneten Revolutionswächtern mit zehn Schnellbooten umzingelte Tanker Mesdar dagegen durfte seine Fahrt nach wenigen Stunden fortsetzen. Im Durchschnitt passieren jeden Tag 35 Supertanker die Straße von Hormus, durch die rund 20 Prozent des globalen Öltransports und 25 Prozent des Flüssiggastransports laufen.

Die Stena Impero ist nach Angaben des britischen Außenministers Jeremy Hunt in den Gewässern des Omans gestoppt worden. Dies sei "unter klarer Verletzung des Völkerrechts" geschehen, teilte Hunt per Twitter mit. Dennoch will Großbritannien die Spannungen im Konflikt mit dem Iran entschärfen. Das Treffen des Krisenstabs der Regierung habe "den britischen Wunsch nach Deeskalation" bestätigt, schrieb Hunt.

Derweil kündigte Irans regionaler Hauptrivale Saudi-Arabien an, das Königshaus werde erstmals seit 2003 wieder amerikanische Truppen auf saudischem Boden zulassen. Die wegen des Kuwait-Kriegs 1991 gegen Saddam Hussein stationierten US-Einheiten waren 2003 nach dem Ende des Irakfeldzugs von US-Präsident George W. Bush abgezogen worden.

Angriff auf Militärbasis in Irak

In der zentralirakischen Saladin-Provinz bombardierte eine Drohne oder ein Kampfflugzeug eine Militärbasis der sogenannten Volksmobilisierungskräfte, auf der iranische Raketen des Typs Fateh-110 stationiert sind. Über die Zahl der Toten unter den irantreuen, schiitischen Milizionären gab es widersprüchliche Angaben. Die einen Quellen sprechen von einem, andere von sechs Opfern. Das US-Oberkommando in der Region erklärte, es sei an diesen Vorfall nicht beteiligt gewesen. Das nährte Spekulationen, dass dieser Angriff von der israelischen Luftwaffe verübt wurde. Nach der Bombardierung des halbfertigen Reaktors Osirak im Jahr 1981 wäre dies die erste israelische Militäroperation über irakischem Territorium seit 38 Jahren.

Aus iranischer Sicht ist die Kommandoaktion im Persischen Golf eine Vergeltung für die Beschlagnahme eines iranischen Tankers durch britische Marineeinheiten nahe Gibraltar am 4. Juli. Am Freitag hatte dort das höchste örtliche Gericht angeordnet, der seit zwei Wochen festgesetzte Supertanker müsse mindestens weitere 30 Tage vor Anker bleiben. Diese Militäraktion erfolgte offenbar auf amerikanisches Drängen. Nach Erkenntnissen Washingtons hat die Grace 1 Rohöl für den syrischen Mittelmeerhafen Baniyas geladen, was Teheran bestreitet. Irans Oberster Revolutionsführer Ali Chamenei verurteilte das britische Vorgehen als "einen Akt der Piraterie", der nicht ohne Antwort bleiben werde. Bereits vor zehn Tagen versuchten daraufhin drei iranische Schnellboote im Persischen Golf, den britischen Tanker British Heritage zu entern, konnten jedoch von dem Zerstörer Montrose vertrieben werden.

Hintergrund des Konflikts am Golf ist die sich verschärfende Krise um das 2015 mit Iran geschlossene Atomabkommen. Nach dem Ausstieg von Donald Trump im Mai 2018 und der Reaktivierung der Sanktionen durch die USA gerät die Islamische Republik wirtschaftlich immer stärker unter Druck, auch weil die europäischen Vertragsstaaten nicht bereit sind, sich offen mit Washington anzulegen und weiterhin iranisches Öl abzunehmen. Innerhalb der politischen Elite der Islamischen Republik toben ebenfalls heftige Kämpfe zwischen Scharfmachern und Moderaten um die künftige Strategie.

Irans Außenminister Mohammed Dschavad Sarif ließ diese Woche bei seinem UN-Besuch in New York durchblicken, sein Land sei nicht nur bis 2023, wie im Atomvertrag vereinbart, sondern zeitlich unbegrenzt zu scharfen Kontrollen durch die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) bereit, wenn dafür die amerikanischen Sanktionen dauerhaft außer Kraft gesetzt würden. Sarifs zweite Andeutung in einem Interview mit NBC News, Iran könne auch über sein Raketenarsenal mit sich reden lassen, wurde dagegen von den eigenen Hardlinern sofort dementiert. "Diese Waffen sind absolut und unter keinen Umständen verhandelbar", erklärte ein Sprecher der iranischen UN-Mission.

Laut amerikanischen Medienberichten sprach Sarif am Rande seines Besuchs in New York erstmals mit dem republikanischen Senator Rand Paul, der von Donald Trump beauftragt worden war, Gespräche mit Tehran auszuloten. Der Senator habe seine Hilfe angeboten, erklärte Trump, und er sei mit diesem Versuch einverstanden. Als wichtigster europäischer Vermittler gilt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der am Freitag erneut mit Trump telefonierte. Paris ist jedoch über die provokante Verhaftung der französisch-iranischen Wissenschaftlerin Fariba Adelkhah in Teheran sehr verärgert. Solche Geiselnahmen von westlichen Wissenschaftlern, Geschäftsleuten und Medienvertretern, die iranische Wurzeln haben und als Doppelstaatler gelten, betrafen bisher in erster Linie Großbritannien und die Vereinigten Staaten. Die Bundesregierung verurteilte Irans Vorgehen im Persischen Golf als einen "nicht zu rechtfertigenden Eingriff in die zivile Schifffahrt, der eine ohnehin angespannte Lage gefährlich weiter verschärft". Dadurch könnten alle laufenden Bemühungen um einen Ausweg aus der derzeitigen Krise unterminiert werden, hieß es in Berlin.