Das Drama um das Rettungsschiff "Sea-Watch 3", das mit Dutzenden aus Seenot Geretteten an Bord tagelang keinen Hafen anlaufen konnte, hat erneut in die Schlagzeilen gebracht, was im Mittelmeer geschieht. Schätzungsweise 17.900 Menschen sind dort auf ihrem Weg nach Europa zwischen 2014 und 2019 ertrunken. Seit die staatliche Seenotrettung eingestellt wurde, holen nur noch private Schiffe oder Frachter die Menschen aus dem Wasser oder von fragilen Schlauchbooten. Zwar beklagen Vertreter der EU und ihrer Mitgliedsstaaten die Toten, aber daraus scheint nichts zu folgen: Seit Jahren streiten die Regierungen darüber, was mit den Geretteten geschehen soll.

Jetzt appellieren europäische protestantische, anglikanische und orthodoxe Kirchen und ihre Hilfswerke an die Regierungen und die EU, die staatliche Seenotrettung wieder aufzunehmen, eine sichere Migration zu ermöglichen und sich auf einen Notfallplan für die Verteilung der Geretteten auf die EU-Mitgliedsstaaten  zu einigen. Brot-für-die-Welt-Präsidentin Cornelia Füllkrug-Weitzel, die zugleich dem Zusammenschluss evangelischer und humanitärer  Entwicklungshilfswerke in der EU (ACT EU) vorsteht, sagt: Die EU sei in der Verantwortung, die Unantastbarkeit, Würde und das Recht auf Leben aller Menschen zu respektieren und zu schützen. Andernfalls verrate sie ihre eigenen Werte.

ZEIT ONLINE: In der vergangenen Woche haben die EU-Innenminister in Helsinki über die europäische Flüchtlingspolitik beraten und sind zu keiner Einigung gekommen. Jetzt treffen sie sich erneut in Paris, diesmal gemeinsam mit ihren Außenministerkollegen. Mit welchem Ergebnis rechnen Sie?

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Das Mindeste wäre, dass sie sich auf einen EU-Notfallplan für eine menschenwürdige Aufnahme und Zugang zu einem fairen Asylverfahren für Bootsflüchtlinge einigen, und dass die Verhinderung und Kriminalisierung der privaten Seenotrettung sofort beendet wird und eine europaweite staatlich organisierte Seenotrettung wieder aufgenommen wird.

Die EU-Staaten müssen zur Lösung der humanitären Krise der Seenotrettung beitragen, die sie selbst verursacht haben. Und sie sollten zumindest einen Weg skizzieren, der zeigt, wie sie das Dublin-Verfahren reformieren wollen und wie künftig ein festes Verteil- und Aufnahmeverfahren aussehen kann. Das zu klären, umgehen sie seit Jahren.

Die Menschen kommen so oder so – und je mehr Europa sich abschottet, desto gefährlicher wird die Reise für sie.

ZEIT ONLINE: Im Dublin-Verfahren ist festgelegt, dass Geflüchtete immer in dem Land einen Asylantrag stellen müssen, in dem sie EU-Boden zuerst betreten, und dass dieses Land dann für das Verfahren verantwortlich ist.

Vor allem Italien empfindet das als ungerecht. Das war der Grund, warum die europäische staatliche Rettungsmission "Sophia" im Frühjahr eingestellt wurde, und es ist jetzt der Grund dafür, dass Italien seine Häfen für private Rettungsschiffe schließt. Wenn die EU-Regierungen seit Jahren darüber streiten, warum sollten sie sich ausgerechnet jetzt einigen?

Füllkrug-Weitzel: Es ist tatsächlich zu befürchten, dass sie sich eher darüber Gedanken machen, wie sie die Menschen noch besser fernhalten und abschieben können. Aber die Erfahrung zeigt, dass das nichts bringt, im Gegenteil. Die Menschen kommen so oder so – und je mehr Europa sich abschottet, desto gefährlicher wird die Reise für sie.

Die akute Krise zeigt das sehr gut: Weil die EU die staatliche Seenotrettung eingestellt hat, müssen private Schiffe die Lücke füllen. Hätte Frontex nicht die hölzernen Boote zerstört, die früher eingesetzt wurden, müssten die Menschen sich nicht mit fragilen Schlauchbooten auf einen langen Weg auf hoher See machen, für den diese Boote nicht gebaut wurden. Hätte Italien nicht die Häfen geschlossen, würden auch Frachter Leben retten. Das alles hat dazu beigetragen, dass derzeit so viele Menschen in Seenot geraten und nicht gerettet werden.

Dadurch, dass die EU seit Jahren unfähig ist, auch nur darüber nachzudenken, wie legale Migrationsmöglichkeiten nach Europa aussehen könnten und wie die Menschen verteilt werden könnten, hat die EU das Geschäftsmodell der Schleuser erst befeuert.

Die EU rüstet eine korrupte libysche Küstenwache auf und lässt Gelder fließen, die auch in den Händen islamistischer Akteure landen könnten. Will man ernsthaft darüber reden, dort weitere Lager einzurichten?

ZEIT ONLINE: Die politische Debatte geht derzeit eher in eine andere Richtung. FDP-Chef Christian Lindner beispielsweise hat vor ein paar Tagen zwar ebenfalls legale Wege nach Europa und eine staatliche Seenotrettung gefordert, aber auch mehr Grenzschutz und "Schutzzonen" für Migranten in Nordafrika. Andere fordern, aus dem Mittelmeer Gerettete nach Nordafrika zu bringen statt nach Europa.

Füllkrug-Weitzel: In den nordafrikanischen Ländern ist Rechtsstaatlichkeit nicht garantiert. Oft im Gegenteil. Libyen ist das extremste Beispiel. Das Land befindet sich im Krieg, Lager werden bombardiert. Die Menschen in den Auffanglagern sind auch ohne die militärische Bedrohung extremer Gewalt ausgesetzt, sie werden verkauft und versklavt. Die EU rüstet eine korrupte libysche Küstenwache auf und lässt Gelder fließen, die auch in den Händen islamistischer Akteure landen könnten. Will man ernsthaft darüber reden, dort weitere Lager einzurichten? Ganz im Gegenteil, man muss die bestehenden Lager schleunigst evakuieren, um das Leben der Menschen zu schützen.

 ZEIT ONLINE: Was ist mit den Nachbarländern wie Tunesien und Marokko?